Zwischen politischen Zielen, wirtschaftlicher Realität und technologischen Möglichkeiten steht die Branche vor großen Herausforderungen. ZVEH-Präsident Stefan Ehinger und VEG-Vorstandsvorsitzender Rainer Rommel sprechen mit der ElektroWirtschaft über Investitionshemmnisse, Fachkräftemangel und neue Chancen durch Digitalisierung und KI.
Zwischen politischen Zielen und Baustellenrealität klafft oft eine Lücke. Wie groß ist sie aktuell wirklich?
Rainer Rommel: Bei diesem Thema frage ich mich zunächst: Was sind eigentlich die politischen Ziele? Man hört viel: mehr Wohnraum, mehr Tempo, mehr Klimaschutz, weniger Bürokratie. Aber konkrete Durchbrüche, die sich in Gesetzen oder in der Praxis niederschlagen, sehen wir als Elektrogroßhandel bislang nicht. Auch im ersten Quartal 2026 ist davon wenig angekommen. In den Kundengesprächen merken wir eher, dass sich mehr Marktteilnehmer um dieselben Baustellen bewerben. Unsere Zahlen spiegeln das wider: Die Warengruppenentwicklung ist weiterhin negativ. Im Konjunkturbarometer erwarten 50 Prozent eine stabile Entwicklung, 43 Prozent eine leichte Verschlechterung. Für die nächsten sechs Monate erwarten nur 19 Prozent eine Verbesserung, 55 Prozent Stagnation und 26 Prozent eine negative Entwicklung. Die Lücke zwischen Baustellenrealität und politischen Zielen ist derzeit eher groß. Wir bleiben verhalten optimistisch, dass sich das perspektivisch ändert.
Stefan Ehinger: Vieles wird angekündigt, kommt aber unten nicht an. Selbst große Investitionspakete wirken im Elektrohandwerk zeitverzögert. Zudem profitieren kleinere Betriebe oft kaum, weil die Wertschöpfung in großen Strukturen hängen bleibt. Gleichzeitig entstehen etwa durch das Bundestariftreuegesetz neue bürokratische Hürden – ein Widerspruch zu den politischen Versprechen. Auch die Diskussionen um den Gebäudetyp E greifen aus unserer Sicht zu kurz. Die Lücke ist definitiv da. Das zeigen auch unsere Konjunkturumfragen: Die Zahlen sind rückläufig, wenn auch weniger stark als im Großhandel. Die Frühjahrsumfrage ist wie erwartet negativ ausgefallen. Für den Herbst hatte ich jedoch mit ersten positiven Signalen gerechnet. Aufgrund der jüngsten geopolitischen Entwicklungen ist die Lage unsicherer geworden. Ich bleibe dennoch vorsichtig optimistisch und hoffe auf eine leichte Erholung im Herbst.
Das Handwerk steht im Zentrum der Energiewende im Gebäudebereich. Wo hakt es in der praktischen Umsetzung?
Stefan Ehinger: Vor allem hakt es an unklaren Rahmenbedingungen und widersprüchlichen Signalen aus der Politik. Angekündigte Maßnahmen wie die Stromsteuersenkung bleiben aus, während andere Entscheidungen ein gegenteiliges Signal senden. Gleichzeitig werden Reformen wie das GEG (Gebäudeenergiegesetz), jetzt GMG (Gebäudemodernisierungsgesetz), oder das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) öffentlich diskutiert, ohne klare Konzepte vorzulegen. Das sorgt für Verunsicherung in den Betrieben. In der Praxis sehen wir: PV-Installationen gehen zurück, E-Mobilität bleibt auf niedrigem Niveau, während Wärmepumpen wachsen. Gleichzeitig berichten viele Betriebe, dass mit den steigenden Energiepreisen die Nachfrage nach PV und E-Mobilität wieder anzieht. Es kann jedoch nicht das Ziel sein, dass erst externe Krisen die Energiewende antreiben.
Rainer Rommel: Unsere Zahlen zeigen: Am Ende entscheidet der Geldbeutel der Endverbraucher. Steigen die Energiepreise, nimmt die Nachfrage nach PV, Wärmepumpen und E-Mobilität wieder zu – das sehen wir aktuell deutlich. Ob daraus konkrete Projekte entstehen, bleibt abzuwarten. Aber es ist ein positives Signal, dass sich die Menschen wieder stärker mit der Energiewende beschäftigen. Interessant dabei ist: Diese Dynamik entsteht oft unabhängig von politischen Maßnahmen. Ähnliche Effekte haben wir bereits zu Beginn des Ukraine-Kriegs gesehen. Aktuell ist die Welle noch kleiner, aber die Mechanismen sind vergleichbar.
Wo sehen Sie die größten Reibungsverluste im Markt zwischen Industrie, Großhandel und Handwerk?
Rainer Rommel: Reibungsverluste entstehen vor allem durch unterschiedliche Perspektiven in der Dreistufigkeit. Die Industrie agiert eher push-orientiert und bringt neue Produkte auf den Markt. Der Großhandel denkt sortiments- und logistikgetrieben und prüft, was ins Portfolio passt. Das Handwerk wiederum arbeitet stärker pull-orientiert, also vom konkreten Kundenbedarf aus. Diese unterschiedlichen Blickwinkel prägen den Markt, haben sich aber nicht grundlegend verändert. Was aber geholfen hat, ist die Digitalisierung der letzten drei bis fünf Jahre auf allen Ebenen. Entscheidend war dabei die enge Zusammenarbeit in der Dreistufigkeit: Dinge aus der jeweiligen Perspektive zu betrachten, sie gemeinsam weiterzuentwickeln und ihnen Zeit zu geben, statt sie sofort zu zerreden. Immer dann, wenn wir weniger diskutiert und mehr umgesetzt haben, sind wir schneller vorangekommen. Und ein gewisses Maß an Reibung gehört auch dazu.
Stefan Ehinger: Für das Handwerk ist die Dreistufigkeit zentral und praktisch alternativlos – allein schon wegen der Produktvielfalt, Logistik und Vorfinanzierung. Der Großhandel bündelt Leistungen, liefert auch kleine Mengen und kennt die lokalen Anforderungen auf der Baustelle. Insgesamt funktioniert das gut, mit den üblichen Reibungspunkten. Fortschritte gab es bei der Digitalisierung, aber die größte Herausforderung sind weiterhin fehlende Schnittstellen und Standards zwischen den Akteuren. Gleichzeitig entstehen durch KI-Tools wie GAEB.ai neue Möglichkeiten, da LV-Analysen direkt mit neuesten Produkten möglich sind. Das verändert die Nachfrage und die Sortimentssteuerung und erfordert ein engeres Zusammenspiel aller drei Stufen.
Die Hersteller positionieren sich zunehmend als Anbieter von Systemlösungen statt Einzelprodukten. Was davon kommt im Handwerk und Großhandel tatsächlich an und wo entstehen daraus Impulse?
Stefan Ehinger: Nicht alle Marktsegmente entwickeln sich gleich – gerade Energiemanagement und Energieverteilung laufen weiterhin gut. Ein Vorteil des Handwerks ist seine Flexibilität: vom Neubau bis zur Bestandsmodernisierung. Im Bestand ist der Materialanteil zwar geringer, dafür steigt der Dienstleistungsanteil. Gleichzeitig gibt es enorme Potenziale, etwa bei der Modernisierung der Beleuchtung. Grundsätzlich ist also viel möglich – entscheidend bleibt aber die Nachfrage. In Krisenzeiten agieren Kunden zurückhaltender, und daran orientiert sich am Ende auch die Entwicklung im Markt.
Rainer Rommel: Die Potenziale sind klar erkennbar, etwa im Lichtbereich, wo viele Anlagen noch nicht modernisiert sind. Gleichzeitig sehen wir eine Investitionslücke. Trotz vorhandener Möglichkeiten fehlt oft die Bereitschaft oder Fähigkeit zu investieren. Innovationen und Systemlösungen sind für den Großhandel zwar spannend, bedeuten aber auch, dass Sortimente immer wieder neu bewertet werden müssen, da sie regional unterschiedlich sind. Insbesondere im Energiemanagement zeigt sich: Das Interesse ist da, aber es fehlt an Tempo und Grundlagen, etwa beim Smart Meter-Rollout. Das bremst die Entwicklung.
Warum ist es gefährlich, die Energiewende vor allem als Kostenfaktor zu betrachten und wie kann die Branche sie stärker als Chance positionieren?
Stefan Ehinger: Wir müssen Energiewende-Technologien viel stärker aus der technischen Ecke holen und mehr als Lifestyle-Produkt denken. Die technisch Affinen haben wir schon erreicht – jetzt geht es um die anderen. Dafür brauchen wir mehr „Coolness-Faktor“ und weniger technische Argumentation. Niemand kauft ein Smartphone wegen des Prozessors, sondern weil es ein attraktives Produkt ist. Ähnlich müssen wir Energielösungen vermitteln. Gleichzeitig wird bei Investitionen oft zu kurzfristig gerechnet. Wenn eine Anlage 20 Jahre genutzt wird, müssen auch die Betriebskosten über diesen Zeitraum betrachtet werden. Hier benötigen wir mehr positive Beispiele und Erfahrungswerte. Zusätzlich setzen wir auf neue Kooperationen, etwa in der Taskforce Gebäudetechnik. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit anderen Gewerken wie den Schornsteinfegern als neutrale, vertrauenswürdige Berater wahrgenommen zu werden und so die Energiewende besser zu vermitteln.
Rainer Rommel: Entscheidend ist, den konkreten Nutzen greifbar zu machen. Oft fehlt es an Storytelling, also daran zu zeigen, was die Lösung im Alltag wirklich bringt. Stattdessen argumentieren wir zu technisch und verlieren damit viele Menschen. Dabei sieht man in anderen Bereichen, wie schnell Akzeptanz entsteht, wenn der Nutzen klar ist. Genau das müssen wir übertragen: weniger Technik erklären, mehr Vorteile erlebbar machen. Da dürfen wir uns als Branche auch selbst hinterfragen.
Der Aufwand für Beratung und Abstimmung steigt, während Fachkräfte fehlen. Ist das ein strukturelles Problem oder nutzen wir unsere Ressourcen einfach nicht effizient genug?
Stefan Ehinger: Die Ausbildungszahlen im Elektrohandwerk sind relativ stabil. Doch angesichts der Demografie reicht das nicht aus. Wenn mehr Menschen in Rente gehen als nachkommen, entsteht zwangsläufig ein Fachkräftemangel. Aktuell fehlen rund 60.000 Fachkräfte, perspektivisch werden es eher mehr. Wir müssen daher auch neue Zielgruppen erschließen, etwa Frauen. Hier setzen Initiativen wie die „ElektroHeldinnen“ an. Gleichzeitig müssen wir effizienter werden. Gerade durch Digitalisierung lassen sich Prozesse verbessern. Es kann nicht sein, dass hochqualifizierte Fachkräfte einen Großteil ihrer Zeit mit administrativen Aufgaben verbringen.
Rainer Rommel: Der demografische Wandel trifft den Großhandel genauso wie das Handwerk. Gleichzeitig ist die erforderliche Qualifikation komplex: Es müssen elektrotechnisches und kaufmännisches Know-how zusammenkommen. Deshalb investieren wir seit Jahren in Weiterbildung
und E-Learning. Mit zunehmender Spezialisierung – etwa bei Licht, E-Mobilität oder Energiesystemen – steigt der Schulungsbedarf weiter. Parallel dazu müssen Prozesse stärker digitalisiert und Wissen besser verfügbar gemacht werden. Gerade mit Blick auf den Generationenwechsel wird es entscheidend sein, Know-how zu sichern und zugänglich zu machen. Das betrifft alle drei Stufen und erfordert mehr gemeinsamen Austausch.
Sie haben das Thema KI bereits angesprochen. Welche Voraussetzungen müssen aus Ihrer Sicht erfüllt sein, damit solche Anwendungen in der Praxis wirklich funktionieren?
Rainer Rommel: KI ist in unserer Branche längst in der Praxis angekommen – im Handwerk, bei Herstellern und im Großhandel. Die Herausforderung ist eher, aus der Vielzahl an Möglichkeiten die passende Anwendung zu finden. Entscheidend ist, klein zu starten, viel Aufklärungsarbeit zu leisten und die Mitarbeiter mitzunehmen. Wenn der konkrete Nutzen und die Arbeitserleichterung deutlich werden, gelingt auch das Change Management. Unsere Erfahrungen zeigen: KI lernt mit der Anwendung und wird schnell effizienter – aus anfänglich wenigen optimierten Datensätzen werden deutlich mehr. Wichtig bleibt aber: Der Mensch prüft die Ergebnisse. Gleichzeitig braucht es eine gemeinsame Sprache zwischen Fachbereich und IT.
Stefan Ehinger: Ich glaube, wir haben im Handwerk sogar einen Vorteil: KI übernimmt vor allem die Aufgaben, auf die ohnehin niemand Lust hat – Dokumentation, Berichte, Verwaltung. Dafür ist keiner Elektriker geworden. Die eigentliche Arbeit auf der Baustelle kann uns die KI nicht abnehmen. Das müssen wir stärker als Chance begreifen. Die klassische Digitalisierung war oft eine Hürde, gerade für kleinere Betriebe ohne eigene IT-Strukturen. KI senkt diese Einstiegshürde deutlich. Viele nutzen bereits einfache, intuitive Tools. Die Herausforderung besteht eher darin, aus der Vielzahl an Anwendungen die richtigen auszuwählen. Hier kommt den Verbänden auch die Rolle zu, Orientierung zu geben. Beispiele wie GAEB.ai zeigen das: Die Nachfrage ist groß, aber nicht jedes Tool passt für jeden. Entscheidend ist, sich gezielt aus diesem „Baukasten“ zu bedienen.
Wie sieht ein typisches Gebäude in fünf Jahren aus und was muss heute passieren, damit wir dieses Ziel erreichen?
Stefan Ehinger: Gebäude werden deutlich digitaler – vor allem in Planung und Betrieb. Der digitale Produktpass (DPP), digitale Planungsunterlagen und die Dokumentation über den digitalen Projekt Organizer (DPO) spielen eine zentrale Rolle. Künftig geht es darum, direkt auf Gebäudedaten zugreifen und sie effizient nutzen zu können. Heute bauen wir teilweise doppelte Strukturen, etwa zusätzliche Zähler, nur um an Daten zu kommen – das ist am Ende „Blindleistung“. Perspektivisch werden Daten durchgängig verfügbar und nutzbar sein, für bessere Bestandsgebäude Entscheidend wird sein, diese Daten intelligent zusammenzuführen. Meine Sorge ist allerdings: Die Gebäude könnten schneller „smart“ werden als die Netze und dann bleiben Effizienzpotenziale ungenutzt.
Rainer Rommel: Ich würde zwischen Bestand und Neubau unterscheiden. Der Renovierungsmarkt wird uns in den nächsten Jahren besonders beschäftigen. Hier entstehen durch Umnutzung und Modernisierung viele Chancen. Bestandsgebäude lassen sich oft schneller anpassen, und die Investitionsbereitschaft ist häufig höher. Insgesamt werden die Gebäude technisch „fitter“. Beim Neubau wird auf einem höheren technischen Niveau gebaut, gleichzeitig sinkt die Komplexität in Planung und Installation. Es geht stärker zu standardisierten, wiederholbaren Lösungen – mehr „Copy and Paste“, weniger Individualität. Entscheidend bleibt die Usability: Die Lösungen müssen so einfach sein, dass auch weniger technikaffine Nutzer gut damit umgehen können.
Das Interview finden Sie auch noch einmal zum Nachlesen in der Ausgabe 05/2026 der ElektroWirtschaft.








