Gelebte Partnerschaft

Für ein aktuelles Stimmungsbild aus dem dreistufigen Vertriebsweg führte die ElektroWirtschaft am 1. April 2020 ein gemeinsames Web-Interview mit Klaus Jung, Geschäftsführer ZVEI-Fachverband Elektroinstallationssysteme, Dr. Hans Henning, VEG-Hauptgeschäftsführer und Ingolf Jakobi, ZVEH-Hauptgeschäftsführer. Für ein aktuelles Stimmungsbild aus dem dreistufigen Vertriebsweg führte die ElektroWirtschaft am 1. April 2020 ein gemeinsames Web-Interview mit Klaus Jung, Geschäftsführer ZVEI-Fachverband Elektroinstallationssysteme, Dr. Hans Henning, VEG-Hauptgeschäftsführer und Ingolf Jakobi, ZVEH-Hauptgeschäftsführer.

ElektroWirtschaft: Herr Dr. Henning, vor einer guten Woche sagte uns Holger Heckle, Vorstandsvorsitzender des VEG: „Es ist schön zu sehen, dass wir uns im Elektrogroßhandel ein Stück Normalität erhalten konnten. Wir können liefern, beraten und unseren Geschäften nachgehen“. Wie sieht es jetzt aus?

Dr. Hans Henning: Diese Lagebeurteilung gilt unverändert. Natürlich machen sich die Kontaktbeschränkungen bemerkbar: Ganz besonders in der Logistik sind die Abläufe komplexer geworden, weil das Abstandsgebot eingehalten werden muss und Schichten sich nicht begegnen dürfen. Das ist nicht einfach umzusetzen, aber machbar. Die Arbeit im Homeoffice muss gut organisiert sein, damit sie effektiv ist. Aber auch das ist eine Hürde, die unsere Mitglieder meistern können. Mein Fazit: Unter erschwerten Bedingungen haben wir jetzt einen halbwegs normalen Betrieb. Wobei niemand weiß, wie es nächste Woche aussieht.

ElektroWirtschaft: Herr Jakobi, der ZVEH befragt gerade seine Mitglieder zu vier Themenkomplexen im Zusammenhang mit der Coronakrise. Haben Sie schon Ergebnisse?

Ingolf Jakobi: Wir haben ganz aktuelle Informationen durch eine Umfrage des ZDH aus der letzten Woche und führen jetzt unsere eigene Befragung durch. Wir haben eine hohe Rücklaufquote (von 20 000 Betrieben haben rund 2 000 geantwortet) und das macht die Ergebnisse sehr valide. Zuerst zur Stimmung: In der Vor-Corona-Zeit sind wir ja von einem Stimmungshoch zum nächsten geeilt und so zeigt die reguläre Frühjahrskonjunkturumfrage im Handwerk noch einen Geschäftsklimaindex von 88,2 Punkten. In unserer aktuellen Befragung ist dieser auf 55,6 Punkte gesunken. Unsere ZVEH-Umfrage zeigt bei 59 Prozent der Betriebe einen Umsatzrückgang, der im Durchschnitt 44 Prozent beträgt. Nur sehr wenige haben gar keinen Umsatz mehr. Im Vergleich zum Gesamthandwerk (Umsatzrückgang um 77 Prozent) stehen wir etwas besser da. In der Elektrobranche haben wir noch den Vorteil, dass wir viele Auftragspuffer aus der Vor-Corona-Zeit hatten. Von 15 Prozent unserer Betriebe hören wir, dass Mitarbeiter in Quarantäne geschickt wurden. Betriebsschließungen aufgrund gesetzlicher Anordnungen sind die Ausnahme (sechs Prozent).

ElektroWirtschaft: Herr Jung, wie schätzt die Elektroindustrie aktuell ihre Lieferfähigkeit ein? Wie lange kann noch produziert werden? Ist „Made in Germany“ jetzt die Rettung oder fehlen bald zu viele wichtige Komponenten aus dem Ausland?

Klaus Jung: In der Elektroinstallationsindustrie war der März im Abverkauf der Produkte durchweg ein guter Monat, aber ich sehe das Handwerk für uns diesmal als konjunkturellen Frühindikator. Sonst war es immer umgekehrt. Wobei aktuell die Lieferfähigkeit der Industrie absolut gegeben ist – sowohl bei den Konzernverbünden als auch im Mittelstand, der in der Breite europäische Lieferketten hat. Der Großteil der Elektroinstallations­produkte mit Fokus auf Kunststoff und Metallverarbeitung ist nicht durch ausbleibende Zulieferungen aus China beeinträchtigt. Elektronikbauteile für bestimmte Bereiche der Gebäudeautomation und Sensorik sind auf dem Seeweg sechs bis acht Wochen unterwegs. Deshalb gab es hier bisher nur partielle Probleme.

ElektroWirtschaft: Ist spürbar, dass größere Vorräte anlegt werden? Wie sehen Handel und Handwerk das Thema Lieferfähigkeit?

Klaus Jung: Es gab vereinzelte „Bunkerkäufe“ bei einzelnen Produkten, die systemisch für den Baufortschritt sind. Wenn beispielsweise Drainage- oder Baurohre fehlen, stoppt die ganze Baustelle. Solche Produkte werden in größerer Stückzahl geordert, aber das ist keine generelle Tendenz. Wir stellen aber fest, dass das Vertrauen in Just-in-Time-Lieferungen stark nachgelassen hat. Deshalb wird lieber ein paar Tage vorher bestellt.

Dr. Hans Henning: Zur Lieferfähigkeit der Industrie habe ich nichts Negatives gehört. Wir erheben keine Daten zu möglichen Hamsterkäufen. Vorratskäufe sind für die Kunden auch nicht notwendig, da der Elektrogroßhandel von Betriebsuntersagungen ausdrücklich ausgenommen ist.

Ingolf Jakobi: Laut unserer Befragung spüren im Elektrohandwerk 30 Prozent der Betriebe Lieferengpässe bei Produkten aus den Bereichen Licht und Erneuerbare Energien. Das liegt möglicherweise daran, dass Italien und China wichtige Zulieferländer sind. Das kann auch bei PV-Modulen die Ursache sein.

ElektroWirtschaft: Wie können Sie jetzt als Verbände ihre Mitglieder in der Corona-Krise unterstützen? Was sind die Forderungen an die Politik?

Ingolf Jakobi: Krisenzeiten sollten Verbandszeiten sein, weil alle auf Unterstützung angewiesen sind und zwar schnell. Als Kompendium für die Krisenverwaltung und um sicherzustellen, dass wir die gesetzlichen Vorgaben erfüllen, stellen wir unseren Betrieben einen 41-seitigen Leitfaden zur Verfügung (www.zveh.de/coronavirus), zu dem es sehr positives Feedback gibt. Unsere Umfrage zeigt uns, wo wir noch Hilfe leisten können. Wir bündeln die Forderungen an die Politik und kommunizieren diese über den Gesamthandwerksverband. Die Politik hat glücklicherweise schnelle Maßnahmen verabschiedet, aber leider ist der Verwaltungsaufwand teilweise noch sehr hoch oder sogar unüberwindbar: Wenn zum Beispiel ein Handwerksunternehmen mit zehn Mitarbeitern für ein KfW-Darlehen in der Coronakrise geschätzte Jahresabschlüsse für 2020 und 2021 vorlegen muss. Wer das fordert, weiß nicht, wie ein mittelständischer Handwerksbetrieb funktioniert. Grundsätzlich sind wir sehr froh darüber, dass das Bundesministerium des Innern für Bau und Heimat, bestätigt hat, dass das Elektrohandwerk und der Elektrogroßhandel zu den kritischen Infrastrukturen zählen und damit systemrelevant sind. Das ist auch ein Mobilitätsschutz, falls es zu Ausgangssperren kommt. Um unserer Verantwortung gerecht zu werden, stehen wir in engem Austausch mit den Partnern des dreistufigen Vertriebsweges.

Dr. Hans Henning: Auch für den VEG sind zeitnahe und praxisgerecht aufbereitete Informationen gerade essenziell. Wichtig ist zudem, dass wir parallel unsere normale Arbeit weitermachen. Die Bestätigung der grundsätzlichen Systemrelevanz hat uns und unsere Mitglieder ebenfalls sehr gefreut. Das hat auch einen hohen symbolischen Wert. Es unterstreicht die Wertschätzung unserer Arbeit für die Gesellschaft und bedeutet, dass die Lieferkette gesichert sein muss.

Klaus Jung: Man sieht jetzt, wie wichtig Verbandsstrukturen sind, um den Mitgliedern und Partnern Lageeinschätzungen zu vermitteln. Der ZVEI steht darüber hinaus in engem Austausch mit der Politik. Unsere Argumentation ist dabei eindeutig: Jeder Differenzierungsversuch von Branchen in systemrelevant und nicht-systemrelevant muss scheitern. Die gesamte Industrie ist systemrelevant, das System muss erhalten bleiben. Des Weiteren sprechen wir sehr deutlich an, dass der bürokratische Aufwand für die Hilfsmaßnahmen für den Mittelstand zu hoch ist. Überhaupt: Es sind die Unternehmen selbst, die zurzeit die entscheidenden Maßnahmen treffen, um der Coronakrise zu trotzen. Drei Prinzipien stehen im Vordergrund: Erstens, oberstes Prinzip ist die Sicherheit der Mitarbeiter und Kunden. Zweitens gilt es die Geschäftskontinuität zu wahren und schließlich, drittens, „Cash and Cost“ täglich im Blick zu halten, um Liquidität zu steuern und Kosten zu kontrollieren. Wobei wir nichts von Liquiditätsproblemen vernehmen, zumal die Branche ein gutes erstes Quartal hatte. Grundsätzlich verfügt die Elektroindustrie insgesamt über eine hohe Eigenkapitalquote. Da gibt es Puffer, aber natürlich gibt es auch Unternehmen, die schwächer aufgestellt sind. Die Hersteller planen aktuell Szenarien mit partieller Kurzarbeit, Stundenkonten- und Urlaubsabbau. Je länger die Coronakrise mit den Beschränkungen des öffentlichen Lebens dauert – zurzeit gehen wir von Beeinträchtigungen bis Ende April aus und einer anschließenden Markthochlaufphase von bis zu vier Wochen – desto schwieriger wird die Lage zu meistern sein.

Ingolf Jakobi: Bei uns ist die Lage in den Unternehmen sehr unterschiedlich. Einige haben eine ausreichend dicke Eigenkapitaldecke, aber viele könnten keinen längeren Umsatzausfall überstehen. Zwischen vier und sechs Wochen wären für die meisten machbar, aber danach würde es für die Mehrzahl schwierig. Fast ausnahmslos stehen alle zu ihren Mitarbeitern und sehen Kündigungen nur als Ultima Ratio (bislang nur bei 2,5 Prozent). Momentan ist das am meisten gebrauchte Instrument der Abbau von Arbeitszeitkonten und die Aufforderung, Urlaubstage zu nehmen. Dann erst kommt Kurzarbeit, die viele schon beantragt haben. Man will die Menschen in den Unternehmen beisammenhalten, weil wir nach den Hochlauf sicherlich schnell wieder den Fachkräftemangel spüren werden.

Klaus Jung: Auch unsere Unternehmen wollen angesichts der guten Baukonjunktur an ihren Strukturen festhalten und mit den Belegschaften wieder durchstarten, sobald die Krise überwunden ist. Kurzarbeit hilft dabei, etwa wenn Außendienstmitarbeiter infolge von Kontaktsperren ihrer Arbeit nicht nachgehen können. Angesichts der Unsicherheit, wie lange uns die Pandemie noch Restriktionen auferlegen wird, stellen sich womöglich noch ganz andere Fragen: Wie wir uns in Deutschland und Europa aufstellen müssen, um eine starke Wirtschaft zu erhalten, die das Gesamtsystem finanziert.

ElektroWirtschaft: Wie lange kann die Mehrheit Ihrer Mitgliedsunternehmen einen strikten Shutdown des öffentlichen Lebens durchhalten?

Dr. Hans Henning: Es ist schwierig, hier spekulativ für den gesamten Elektrogroßhandel zu sprechen. Wir gehen davon aus, dass unsere systemrelevanten Geschäfte weiterlaufen werden und dass es bei uns keine Betriebsschließungen wie im Einzelhandel geben wird.

Klaus Jung: Das hoffen wir für die Elektroindustrie ebenfalls. Unsere Unternehmen haben sich binnen kürzester Zeit darauf eingestellt mit dem Ziel, den Wirtschaftsbetrieb bestmöglich weiterlaufen zu lassen, trotz zum Teil größter Umstellungen in den Betrieben, um den Belegschaften den höchsten Gesundheitsschutz bieten zu können. Zusammen mit den Maßnahmen der Bundesregierung dürfen wir für Deutschland hoffen, dass wir unsere Wirtschaft im Mai wieder hochfahren können.

Ingolf Jakobi: Je länger es dauert, umso größer ist natürlich der Schaden. Man muss auch kein großer Prophet sein, um beim Hochfahren mit einer dramatisch steigenden Nachfrage zu rechnen. Deshalb muss das in Stufen passieren. Also ist es ganz wichtig, dass wir als E-Branche gemeinsam mit der Politik parallel zur optimalen Sicherheit für Mitarbeiter und Kunden ein ernsthaftes Szenario für ein gestuftes Hochfahren entwickeln. Damit wir dann auch Hundert oder mehr Prozent leisten können. Für den exorbitanten Nachholbedarf brauchen wir Vorbereitung.

ElektroWirtschaft: Wie kann das vertrauensvolle Miteinander im dreistufigen Vertriebsweg helfen, die Krise gemeinsam durchzustehen?

Ingolf Jakobi: Wir stellen uns den Herausforderungen im Schulterschluss mit der gesamten E-Branche, die schon oft bewiesen hat, wie wichtig gelebte Partnerschaft ist. Auch ein Hochlauf geht nur in enger Abstimmung. Für uns als Elektrohandwerk ist es wichtig, dass Lieferketten weiter so gut funktionieren wie gewohnt und wir sind natürlich froh, wenn sich unsere Partner fair und preissensibel verhalten – wenn also eine größere Nachfrage nicht zu stark steigenden Preisen führt. Das wäre der Beleg dafür, dass das Vertrauen ineinander berechtigt ist. Ich bin davon überzeugt, dass wir auch aus dieser Krise gestärkt hervorgehen. Und wir werden Verbesserungspotentiale finden, von denen wir in der Nach-Corona-Zeit profitieren.

Klaus Jung: Auch ich sehe die Chancen, die diese Krise bietet. Ein Beispiel ist schon unsere heutige Videokonferenz. Wir leben jetzt viel mehr die Digitalisierung – wobei auch die Schwächen im Netzausbau sichtbar werden. Das Thema Homeoffice wird anders wahrgenommen. Wir machen positive Erfahrungen mit neuen Arbeitsformen und mit dem Verzicht auf Reisen, der ein Stück weit auch zum Klimaschutz beiträgt. Wir sehen in den Unternehmen Potenzial für Produktivitätssteigerungen und die Notwendigkeit, in Strukturen wie Software und Prozesse zu investieren. Ich denke, dass wir im Dreierverbund gut unterwegs sind, um eine Markthochlaufphase zu organisieren. Mit Blick auf das Gesamtjahr werden wir unterm Strich dennoch einen erheblichen Abschwung sehen. Anstatt der anvisierten Steigerung von 3 bis 3,5 Prozent rechnen wir durch die Coronakrise aktuell mit einem Marktabschwung von bis zu minus fünf Prozent.

Dr. Hans Henning: Wir werden jetzt zeigen, dass wir als verlässliche Partner sowohl dem Handwerk als auch der Industrie eine Dienstleistung bieten, die auch in der Krise Bestand hat. Ich glaube, dass unsere Stärke, als Elektrogroßhandel direkt vor Ort zu sein, als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen und eine hohe Warenverfügbarkeit zu sichern, jetzt dringend notwendig ist und in Zukunft noch mehr wertgeschätzt wird.

ElektroWirtschaft: Wie sehen Sie die Chancen für eine erfolgreiche Light + Building Ende September?

Klaus Jung: Ich plädiere dafür, dass wir uns in diesem Jahr auf jeden Fall weiter mit Veranstaltungen gegenseitig unterstützen. Das schafft Vertrauen, auch dafür wäre die Light + Building wichtig. Sicher werden die Lichtaussteller Einbrüche verzeichnen – schon allein, weil die italienischen Aussteller 25 Prozent des Marktes ausmachen. Aber dennoch wird es keine „dunkle“ Messe werden. Auf unserer Leitmesse können wir zeigen, wer die Standards setzt: die Produkte, die wir für die Energiewende und Elektromobilität in Deutschland und darüber hinaus benötigen. Auf der Light + Building wollen wir abermals gemeinsam zeigen, was unsere Verbände verbindet und stark macht: die gemeinsame Wertschöpfungskette.

Ingolf Jakobi: Ich warne davor, jetzt schon die Light + Building in Frage zu stellen. Dass es in der Lichtbranche auch von Corona unabhängige Probleme gibt, ist ja bekannt. Das kann und wird die Schwerpunkte auf der Messe verschieben. Ich wünsche uns jedenfalls allen, dass die Light + Building stattfinden kann und dass wir dann den Hochlauf schon hatten. Auch deshalb, weil mir die dringenden Zukunftsthemen am Herzen liegen, die dort großen Raum einnehmen werden und die jetzt angesichts Corona in den Hintergrund treten. Ich meine insbesondere alles, was mit der Energiewende zusammenhängt und dem Aufbau der Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität.

Dr. Hans Henning: Wir im Großhandel haben natürlich auch ein sehr großes Interesse daran, dass eine Light + Building stattfindet. Das ist gar keine Frage!

Ingolf Jakobi: Abschließend möchte ich der ElektroWirtschaft dafür danken, dass sie die Initiative für dieses Gespräch übernommen hat.

Moderation: Gudrun Arnold-Schoenen, Herausgeberin und Chefredakteurin der ElektroWirtschaft

Redaktion: Juliane Braun (freie Redakteurin)

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