ZVEI-Jahreskongress 2019: Technologie nutzen, Leben verbessern

Ein hoher Anspruch, den der ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie) für seinen Jahreskongress 2019 formuliert hat. Aber in einer Zeit, in der der Umbruch von den Unternehmen ein hohes Maß an Tempo in Innovation und Umsetzung in einer digital werdenden Welt fordert, kann Technologie nie Selbstzweck sein. Ohne Einbindung der Kunden und Lieferanten sowie in das gesellschaftliche Umfeld kann die Industrie, namentlich die Elektroindustrie, das komplexe Thema der Digitalisierung nicht bewältigen. Daher hat der Zentralverband mit vielfältigen Themenangeboten den Jahreskongress 2019 für eine gemeinsame Zukunft gestaltet.

Für einen Blick in diese Zukunft, so betonte der Präsident des ZVEI, Michael Ziesemer, in seiner Eröffnungsrede, müsse man sich heute mit Themen beschäftigen, die man bereits überwunden glaubte. Freiheit und Freizügigkeit in der Industriepolitik sowie Nationalismus werden heute wieder als Handelsbarrieren aufgebaut und instrumentalisiert. Dabei kommen die Herausforderungen auch und vor allem eher von der technischen Entwicklung. Wir stehen einerseits an der Schwelle zur Daten- und Plattformökonomie und andererseits beschäftigen uns Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz (KI), datenbasierte Geschäftsmodelle, Cybersicherheit und internationale Wettbewerbsfähigkeit. In diesem Umfeld müssen wir ein neues Selbstbewusstsein entwickeln, forderte Ziesemer.

Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit, sieht in der digitalen Gestaltung auch eine Herausforderung an die Politik und flankierte: „Wir brauchen mehr Tempo.” Gerade in der Medizintechnik sieht er einen Nachholbedarf, die er mit der elektronischen Gesundheitskarte, einer Art Blockchain im Gesundheitswesen, und KI in der Diagnose angehen will. Dabei setzt er mehr auf „Akzeptanz durch Argumente”, statt detailliert ausgefeilter Vorschriften, Normen und Bestimmungen.

Dr. Bernd Montag, Siemens Healthineers, ging auf KI und Digitalisierung sowie die Perspektiven einer besseren Medizin ein und wies darauf hin, dass es ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient gebe. „Eine Therapie muss eine andere Qualität haben als eine Restaurantempfehlung”, kolportierte Montag. Unterstützung durch KI für den ausgebildeten Mediziner sieht er bei der Datenerhebung, -interpretation und –zentrierung bis hin zu einem digitalen Zwilling, an dem man Medizin erproben könne.

Über die Chancen, die neue technologische und städtebauliche Lösungsansätze bieten, sprachen Daniel Hager, CEO Hager Group, Kai Hillebrand, Managing Director Panasonic DACH + NL und Prof. Dr. Jochen Rabe, Urban Resilience and Digitalization, in einer Podiumsdiskussion. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Technik längst vorhanden, jedoch kein durchgängiger Markt erkennbar sei. Die Initiative Smart Living versucht die Digitalisierung vom Menschen aus zu sehen. Das erfordere neue Kooperationsformen und Mut, denn die Technologie ist verfügbar. „Innovationen entstehen im Kleinen”, so Hager.

Wie sich datenbasierte Geschäftsmodelle mit Cybersicherheit vereinen lassen, damit beschäftigte sich eine weitere Podiumsdiskussion. Dr. Tanja Rückert, Vorsitzende des Bereichsvorstandes Bosch Buildung Technologies, Dr. Frank Melzer, CTO Festo, und Dr. Klaus Mittelbach, Vorsitzender der Geschäftsführung ZVEI, unterstrichen, dass Gebäude intelligenter werden und sich auf die Bedarfe der Nutzer einstellen müssen. Sie beschrieben ein Zusammenbringen der Industriellen IT mit der Gebäude-IT sowie die Wechselwirkungen zwischen der rationalen Ebene und der menschlichen Komponente. Das, so das Panel, gehe nur durch eine Veränderung der Prozesse und eine veränderte Herangehensweise. KI müsse für diesen Zweck robust, sicher und nachvollziehbar sein. Besonders den B2B-Markt sehen die Podiumsteilnehmer als einen zukünftig erfolgreichen Markt.

Auf die Cybersicherheit als Voraussetzung für eine erfolgreiche Digitalisierung wies Dr. Gerhard Schabhüser, Vizepräsident Bundesamt für die Sicherheit (BSI) in der Informationstechnik, hin. Er erlebt in der IT zunehmend eine „Kultur der Schlechtheit” und rät die Informationssicherheit zur Chefsache zu machen. Das BSI definierte er als „Orchestrierer des harmonischen Sicherheitsniveaus“ und Sicherheit als „allgemeinstaatliche Aufgabe“.

In der Podiumsdiskussion mit Izabela Czarnojan, Leiterin Digitaler Rat, Walddörfer Gymnasium Hamburg, Prof. Dr. Katja Maaß, Direktorin International Centre for STEM Education, Pädagogische Hochschule Freiburg, Stephan Griebel, Director Business Development & Alliances Europe, Texas Instruments Education Technology sowie Andre John, Manager Bildung und Nachwuchs, ZVEI, wurde dargestellt, wie schulische Bildung und betriebliche Realität besser zusammengeführt werden können. Gerade in den MINT-Fächern wolle man mehr Neugierde und Begeisterung erwecken, um Selbständigkeit zu erzeugen. Dazu müssen jedoch stärkere Berufsbezüge vermittelt werden. Das System Schule sei „träge“, aber Eltern, Schule, Schüler und Industrie sollten hier direkte, lokale und regionale Bezüge finden, denn, so waren sich die Teilnehmer einig, der Digitalpakt allein reiche nicht, um den Aufgabenstellungen und Projekten der Zukunft gerecht zu werden.

Am zweiten Tag des Kongresses wurde die Digitalisierung konkreter.

Klaus Helmrich, Mitglied des Vorstands Siemens, erklärte, wie man gemeinsam zu mehr Produktivität durch die Strategie für die nächste Stufe der digitalen Transformation kommen kann. Er zeigte das digital Enterprise auf, das Produktivität optimiert. Die Menge der vorhandenen Daten werden, so Helmrich, nutzbar gemacht und führen durch Plattformen zu neuen Geschäftsmodellen. Staatssekretär Christian Luft vom Bundesministerium für Bildung und Forschung wies in seinem Vortrag darauf hin, dass sich Europa der Digitalisierung mit Grundfragen stellen müsse. Wem gehören die Daten und wie steht es mit der informationellen Selbstbestimmung? Er nannte die Ziele der technologischen Souveränität sowie die Schaffung eines europäischen Netzwerkes und zeigte auf, dass die digitale Transformation auch Änderungen in Schule, Studium aber auch im Handwerk notwendig mache. Folgerichtig beschäftigte sich Prof. Dr. Jens Südekum von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit Digitalisierung und Arbeitsmärkten im Wettbewerb der Systeme und fragte provokativ: „Macht die Digitalisierung arbeitslos?” Mit Untersuchungen über einen Zeitraum von 1994 bis 2014 belegte er seine Antwort: Nein. Aber auch er wies auf den Lohnvergleich und die -verluste in der Mitte der Gesellschaft hin. Als „Gegenspieler” sieht er den demografischen Wandel. Als Strategie empfiehlt er Investitionen in die Weiterbildung und eine breitere Streuung von Kapitalbesitz. Den USA-China Konflikt identifiziert er als einen Wettlauf um die Technologieführerschaft. Beide, USA und China, so ergänzt Prof. Dr. Boy Lüthje von der Sun Yar-sen University Guangzhou, seien unterschiedliche Ausprägungen des Kapitalismus, die Mittelständler adaptieren müssten. Die Frage, ob China 2025 wirtschaftliche Weltmacht sein kann, beantwortet er mit: „wohl eher nicht” und wies auf die kleine und mittlere Industrie in China hin, die bei der Modernisierung der Produktion nicht die Vorteile genieße, wie sie die Großindustrie habe. Sein Aufruf: „Respekt, aber keine Angst”.

Uwe Gräf, CTO Harting, wies im Gegenzug darauf hin, dass China einen erheblich größeren Absatzmarkt darstelle, dessen Dynamik nicht unterschätzt werden solle. Wo Deutschland bei Intelligenz und Robotik im internationalen Wettbewerb steht, diskutierte das Panel mit den Teilnehmern Prof. Dr. Ing. Birgit Vogel-Heuser, Lehrstuhlinhaberin für Automatisierung und Informationssysteme, TU München, Prof. Dr. Martina Mara, LIT Robotpsychology Lab, Johannes Keppler Universität Linz, und Prof. Dr. Wolfgang Ecker, TU München und Senior Principal, Infineon Technologies. Sie wiesen darauf hin, dass Vertrauen in Maschinen auch Verständnis von der Funktion von Maschinen und KI bedeute. Wobei der Begriff Künstliche Intelligenz den Teilnehmern überzeichnet erschien. Der Begriff der heute verfügbaren Technologie würden sie eher als Augmented Reality (erweiterte Realität) bezeichnen. Sie forderten, dass wir wissen müssen, mit wem wir sprechen, einem Roboter oder einem Menschen. Sie befürworteten die Zusammenarbeit von Hochschule und Industrie sowie die Schaffung der Marke: „KI Made in Europe”. Denn, so die Feststellung: „Wir machen uns in Deutschland kleiner als wir sind”. Als USP sehen sie den Ansatz für eine faire, vertrauensvolle Technologie als Asset. Bereiche, in denen Menschen gegenüber Maschinen ihre Vorteile haben, sollten ausgebaut werden.

Chancen für die Wirtschaft sehen Dr. Heinz-Walter Große ,Vorsitzender der SAFRI und Vorstandsvorsitzender der Braun Melsungen AG, Klaus Hengsbach, Head of Didactic Phoenix Contact, und Dr. Stephan Werhahn, Non-Executive Board Member getINNOtized, im digitalen Wandel in Afrika. Obwohl die Rahmenbedingungen schwieriger als in anderen Regionen seien, sei die Stabilisierung vorangekommen. Leider, so die Referenten, habe die deutsche Industrie hier noch nicht den Fokus gefunden, obwohl zahlreiche Unterstützungsmöglichkeiten gerade für den Mittelstand angeboten werden. Am 70. Geburtstag der Verfassung der Bundesrepublik stellte Prof. Dr. Dr. Udo di Fabio, Fachbereich Rechtswissenschaften, Universität Bonn und Richter des Bundesverfassungsgerichts a.D. die Verfassung als Exportschlager dar und fragte gleichzeitig: „Passt unsere Verfassung zur digitalisierten Welt?” Er beantwortete die Frage emphatisch und argumentativ stark mit „Ja”. Da das Grundgesetz aus einer hohen Abstraktionsebene und universell angelegt sei, sieht er genügend Gestaltungsrahmen, um z.B. das Grundrecht der informationellen Selbstbestimmung für die digitale Welt und gegen neue Herausforderungen zu verteidigen und definiert unser bestehendes Wertefundament als „technische Bedingung” für das friedliche Zusammenleben in der Gesellschaft.

Zwei Tage ZVEI-Kongress, die ein rundes Abbild der gesellschaftlichen Entwicklung und der ihr zugrunde liegenden Prozesse gezeigt haben. Eine Veranstaltung erster Klasse – Anspruch erfüllt!

Dipl. Wirtschaftsingenieur Peter Respondek

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