KI wird zur Standortfrage: Deutschland hat Europas größtes Automatisierungspotenzial

Deutschland mit fast 500 Milliarden Dollar Produktivitätspotenzial durch KI und Robotik. Theoretisch sind 59 Prozent der Arbeitsstunden in Deutschland technisch automatisierbar – mit bestehenden Technologien. 86 Prozent der menschlichen Fähigkeiten bleiben gefragt, aber sie werden künftig anders eingesetzt.

Deutschland hat unter zehn untersuchten europäischen Volkswirtschaften das größte Potenzial durch KI und Automatisierung: Bis 2030 könnten Unternehmen hierzulande bis zu 486 Milliarden US-Dollar an Produktivitätspotenzial erschließen. Das zeigt die neue Studie „Agents, robots, and us: How AI reshapes work and skills in Europe” des McKinsey Global Institute (MGI), dem volkswirtschaftlichen Thinktank der Unternehmensberatung. Das ausgewiesene Potenzial misst direkte Effizienzgewinne auf Unternehmensebene, errechnet aus Beschäftigtenzahlen, Löhnen und dem modellierten Adoptionsgrad von KI und Robotik. Demnach wären 59 Prozent der heutigen Arbeitsstunden in Deutschland mit bestehenden Technologien technisch automatisierbar – mittels KI-gestützter Agenten für kognitive Aufgaben und Roboter für körperliche Tätigkeiten. Entscheidend dabei: Diese Zahl beschreibt technische Machbarkeit, keine Prognose für Jobverluste. Während einzelne Aufgaben automatisiert werden, entstehen neue Tätigkeiten. Rollen entwickeln sich weiter, und Beschäftigte werden ihre Fähigkeiten künftig anders einsetzen. 

Deutschland hat in Europa am meisten zu gewinnen – wenn Unternehmen jetzt handeln

Deutschland hat unter den zehn untersuchten europäischen Volkswirtschaften das größte absolute Produktivitätspotenzial: Bis 2030 können hierzulande bis zu 486 Milliarden US-Dollar durch KI, Automatisierung und Robotik erschlossen werden – mehr als im Vereinigten Königreich (375 Milliarden US-Dollar) und in Frankreich (238 Milliarden US-Dollar) – der höchste Wert unter allen zehn untersuchten europäischen Volkswirtschaften. Das spiegelt auch die Größe der deutschen Volkswirtschaft wider – vor allem aber ihre industrielle Struktur: Kein anderes der zehn untersuchten Länder hat einen so hohen Anteil an Beschäftigten in agentenzentrierten Rollen. Europaweit summiert sich das Potenzial auf bis zu 1,9 Billionen US-Dollar.

Industrie als zentraler Treiber – KI schlägt Robotik auch in der Fertigung

Das verarbeitende Gewerbe hat mit rund 112 Milliarden US-Dollar das größte Potenzial unter allen Sektoren in Deutschland. Weitere bedeutende Sektoren sind Handel (58 Milliarden US-Dollar), öffentliche Verwaltung (57 Milliarden US-Dollar) sowie das Gesundheits- und Sozialwesen (51 Milliarden US-Dollar). Bemerkenswert: Selbst im physisch geprägten verarbeitenden Gewerbe stammt der überwiegende Teil des Potenzials nicht aus Robotik selbst, sondern aus KI-gestützten Agenten – etwa in Planung, Qualitätskontrolle und Lieferkettensteuerung. Europaweit entfallen rund 82 Prozent des Automatisierungspotenzials auf Agenten, nur 18 Prozent auf Robotik.

Die Studie klassifiziert alle Berufe in sieben Archetypen, die das künftige Zusammenspiel von Menschen, KI-Agenten und Robotern beschreiben. Mit 35 Prozent der Beschäftigten in agentenzentrierten Rollen – Berufe wie Buchhalter, Verwaltungsassistenten oder Softwareentwickler – hat Deutschland den höchsten Anteil unter allen zehn untersuchten Ländern, deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 30 Prozent. Weitere 27 Prozent arbeiten in hybriden Rollen, in denen Menschen künftig eng mit Agenten oder Robotern zusammenarbeiten – etwa im Vertrieb, in der Medizin oder im Handwerk.

Nachfrage nach KI-Kompetenzen wächst in Deutschland besonders schnell

Die Nachfrage nach KI-Fluency, sprich: der praktischen Fähigkeit, KI-Systeme im Arbeitsalltag zu nutzen und zu steuern, hat sich seit 2023 versechsfacht. Das ist der stärkste Anstieg unter allen zehn untersuchten Ländern und liegt über dem europäischen Durchschnitt von fünffachem Wachstum. In Deutschland betrifft das rund 780.000 Beschäftigte in Berufen, in denen KI-relevante Skills in Stellenanzeigen als Qualifikationsmerkmale aufgelistet werden.

Von den rund 3.900 für Deutschland ausgewerteten Skills oder Qualifikationen werden 77 Prozent sowohl in automatisierbaren als auch in nicht-automatisierbaren Tätigkeiten gebraucht. Diese Skills verschwinden also nicht, sondern werden künftig sowohl von Menschen als auch mit KI genutzt – sie werden nicht ersetzt, sondern in Zusammenarbeit mit KI neu angewendet Insgesamt bleiben 86 Prozent der menschlichen Fähigkeiten auch im KI-Zeitalter relevant, insbesondere Soft Skills wie Empathie, Resilienz und Führung bleiben weitgehend unverändert gefragt. Bei technischen Standardfähigkeiten wie Tabellenkalkulation oder SQL-Programmierung verschiebt sich hingegen die Art des Einsatzes: Sie werden künftig zunehmend in Zusammenarbeit mit KI-Systemen angewendet.

Print Friendly, PDF & Email

Comments are closed.