PwC-Studie: Europäische Stahlwirtschaft steht vor tiefgreifendem Strukturwandel

Die europäische Stahlwirtschaft steckt in einer Strukturkrise: Weltweite Überkapazitäten und starker Importdruck treffen auf hohe Energie- und Produktionskosten. Die CO2-Bepreisung durch den EU-Emissionshandel und den Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) belasten die konventionelle Hochofenroute zusätzlich. Hinzu kommt die wachsende Konkurrenz beim emissionsarmen Stahl. In den Golfstaaten und in Indien entstehen neue Produktionskapazitäten, während von den angekündigten europäischen Green-Steel-Projekten annähernd die Hälfte nicht über die Planungsphase hinauskommt. In einer aktuellen Studie untersucht PwC auf Basis einer strukturellen Kostenanalyse die Entwicklungen und Risiken der Stahlproduktion und zeigt mögliche Geschäftsmodelle für die Transformation der europäischen Stahlwirtschaft auf.

Die Studie untersucht drei Szenarien für die Transformation: einen importgetriebenen Wandel, bei dem sich die Primärstahlproduktion zunehmend in Regionen wie die Golfstaaten und Indien verlagert, einen ausgewogenen Übergang mit europäischen Kapazitäten und wachsenden Importen sowie eine weitgehende europäische Eigenversorgung.

Allen Modellen ist gemeinsam, dass die Hochofenroute unwirtschaftlich wird. Die CO2-Bepreisung verdoppelt laut PwC die Kosten konventionellen Stahls bis 2045. Spätestens 2040 ist die klassische Route in keiner Region mehr die günstigste Option.

Europäische Stahlwirtschaft steht vor Strukturwandel

Die günstigsten Standorte für CO2-armen Primärstahl liegen der Studie zufolge außerhalb Europas. Vor allem die Golfstaaten und Indien haben strukturelle Kostenvorteile bei grünem Stahl.

Schon 2030 wird die erdgasbasierte Direktreduktion in den Golfstaaten laut PwC rund 30 Prozent günstiger sein als die Hochofenroute in Mitteleuropa. Grüner Stahl aus Indien, der mittels wasserstoffbasierter Direktreduktion hergestellt wird, liegt der Studie zufolge 2030 um 15 Prozent unter dem europäischen Hochofen-Preis.

In Europa liegen die Produktionskosten für grünen Stahl dagegen noch deutlich über denen der Hochofenroute. Allein Skandinavien erreicht unter optimistischen Annahmen konkurrenzfähige Primärstahlkosten. Für Mitteleuropa ergibt sich laut PwC in keinem der Szenarien ein wettbewerbsfähiger Weg für die energieintensive Grundstoffproduktion.

Europa: Sekundärstahl als Chance

In Europa bietet Sekundärstahl, der aus Schrott gewonnen wird, die Chance einer wettbewerbsfähigen Nische. Die Schrottroute ist kostengünstig und nachhaltig und bietet Resilienzvorteile, da Stahlschrott in Europa in großen Mengen anfällt. Allerdings kann Sekundärstahl die wegfallenden Primärkapazitäten nicht vollständig ersetzen.

PwC leitet daraus mehrere Konsequenzen ab: Europäische Stahlunternehmen sollten die Verlagerung energieintensiver Produktionsstufen aktiv gestalten und sich langfristige Zugänge zu CO₂-armem Stahl sichern. Gleichzeitig sollte sich die in Deutschland verbleibende Wertschöpfung stärker auf wissensintensive Produkte und Fertigungsschritte konzentrieren, etwa in den Bereichen Konstruktion, Fertigungspräzision, Systemintegration, Zertifizierung oder Software.

Transformation betrifft auch den Mittelstand

Auch mittelständische Stahlverarbeiter müssen sich laut PwC den Zugang zu CO2-armem Stahl zu wettbewerbsfähigen Preisen sichern. Möglichkeiten bieten Servicecenter oder Einkaufskooperationen, in denen mehrere Unternehmen langfristige Lieferverträge bündeln. Gleichzeitig steht eine Veränderung des Produktportfolios an: weniger Tonnage, mehr Komplexität und eine stärkere Differenzierung durch Konstruktion, Zertifizierung oder Systemintegration.

Neue Abhängigkeiten erwartet PwC durch die Verlagerung energieintensiver Produktionsschritte nicht zwangsläufig. Europa importiert bereits heute Eisenerz und Kokskohle fast vollständig. Künftig komme es darauf an, die Lieferquellen für grünen Stahl über mehrere Standorte und Korridore zu diversifizieren.

Wandel unter Zeitdruck

Die Transformation der Stahlwertschöpfungskette erfordert Entscheidungen bei Beschaffung, Standorten, Technologien und Partnerschaften. Unternehmen, die warten, bis sich der Markt für grünen Stahl etabliert hat, könnten sich laut PwC in einem Wettbewerb um knappe Mengen wiederfinden. Frühzeitige Lieferbeziehungen zu internationalen Produzenten können dagegen Zugang und Preisvorteile sichern.

Die Stahlwelt des Jahres 2040 wird sich der Studie zufolge grundlegend von der heutigen unterscheiden: Die Hochofenroute wird unwirtschaftlich, die Geografie der Primärproduktion verschiebt sich und für die europäische Stahlverarbeitung gewinnen Wissen, Spezialisierung und Systemkompetenz an Bedeutung.

Quelle: PwC Deutschland

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