„Noch nie befand sich der Groß- und Außenhandel in solch einer beispiellosen Bedrängnis“

Im Interview mit der ElektroWirtschaft spricht Gerhard Handke, Hauptgeschäftsführer BGA, über die Aufgaben und Ziele des Verbandes in Zeiten der Coronakrise und beurteilt die Auswirkungen der Pandemie auf die Unternehmen.

ElektroWirtschaft: Bereits seit 16 Jahren sind Sie Hauptgeschäftsführer des BGA. Wie beschreiben Sie Ihren Werdegang innerhalb Ihrer Verbandstätigkeit?

Gerhard Handke: Von der Bauwirtschaft bin ich 1996 zum BGA gekommen, damals war ich dort zuständig für die Verkehrspolitik. Zwei Jahre später habe ich die Verantwortung für die Sozial- und Tarifpolitik übernommen und wurde kurze Zeit später zum Stellvertretenden Hauptgeschäftsführer. Seit 2004 bin ich Hauptgeschäftsführer. Dabei hat es mir als Wirtschaftsliberaler immer Freude gemacht, für einen Freihändler-Verband arbeiten zu dürfen, der sich Marktwirtschaft und Internationalität auf seine Fahnen schreibt.

ElektroWirtschaft: Stellt die Coronakrise Ihre bislang größte Herausforderung in Ihrer täglichen Arbeit dar?

Gerhard Handke: Zweifelsohne ja! Zwar haben wir bereits einige Krisen durchlebt, wie beispielsweise die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008. Doch noch nie befand sich die deutsche Wirtschaft, und damit natürlich auch der Groß- und Außenhandel, in solch einer beispiellosen Bedrängnis.

ElektroWirtschaft: Das Coronavirus hat weitreichende Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben und auch gravierende Folgen für die Unternehmen in Deutschland. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Gerhard Handke: Höchst unsicher! Niemand weiß, wie nach der Krise die Zukunft aussehen wird. Wir fahren auf Sicht und versuchen, die Interessen unserer Branchen zu wahren. Während wir uns zu Beginn darauf konzentriert haben, dafür zu sorgen, dass der Großhandel als unverzichtbar anerkannt und damit vom Shutdown ausgenommen wurde – was ursprünglich nicht selbstverständlich war – haben wir uns in den Wochen danach vor allem auf die Sicherung der Liquidität unserer Unternehmen konzentriert. Aktuell steht die Umsetzung des Exits im Vordergrund. Wenn die Wirtschaft – unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln – nicht bald wieder in voller Breite anfahren und Gewinne und Steuern generieren kann, wird es eng für die Unternehmen und dann wird auch dem Staat unweigerlich seine Finanzkraft ausgehen.

ElektroWirtschaft: Wie können Sie als Dachverband Ihre Mitglieder hier unterstützen? Welche Kernziele verfolgen Sie dabei?

Gerhard Handke: Die Hauptaufgabe des BGA ist es, die Interessen seiner Mitgliedsverbände zu bündeln und an die politischen Entscheidungsträger heranzutragen. Wir sind in allen wichtigen Abstimmungsrunden eingebunden, sowohl im Kanzleramt als auch in den Ministerien und parlamentarischen Gruppierungen. Hier versuchen wir, die Rahmenbedingungen in dieser Krise an vorderster Front mitzugestalten. Neben der Schadensbegrenzung müssen aber in der nächsten Phase strukturelle Defizite angegangen und damit die Weichen gestellt werden, dass es nach der Krise schnell wieder aufwärts gehen kann.

Über die Wahrnehmung der übergeordneten Interessen unserer Unternehmen hinaus hilft der Dachverband seinen Mitgliedern auch dadurch, dass er sie bei der Durchsetzung ihrer einzelnen Brancheninteressen begleitet und unterstützt.

ElektroWirtschaft: Viele Unternehmen kommen in erhebliche existenzielle Bedrängnis. Um dies abzufedern, hat die Bundesregierung einen Rettungsschirm zur Eindämmung der wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus aufgespannt. Ist dieser aus Ihrer Sicht ausreichend? Welche weiteren Forderungen haben Sie an die Politik?

Gerhard Handke: Tatsächlich haben die Bundesregierung und die Europäische Zentralbank schnell und entschlossen gehandelt, um die desaströsen wirtschaftlichen Folgen des neuartigen Coronavirus abzufedern, einschließlich der erkennbaren Bereitschaft zügig nachzusteuern, wo notwendig. Nun brauchen wir unter Einhaltung strenger Abstands- und Hygieneregeln eine möglichst schnelle und weitgehende Rückkehr zum „Normalen“. Da aber eine vollständige Rückkehr zum Normalen in absehbarer Zeit nicht möglich sein wird, treten wir zum zweiten für flankierende Maßnahmen ein, die die Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln verbessern, wie z.B. eine Unternehmensteuerreform oder die komplette Abschaffung des Soli.

Es gilt aber auch vor übertriebener Staatswirtschaft zu warnen. Die Krisenkoordination und -bewältigung dürfen keine planwirtschaftlichen Züge annehmen. Dringend sollte die Politik nach der akuten Schadensbegrenzung wieder zurückfinden zu einer Offenheit unserer Volkswirtschaft.

ElektroWirtschaft: Wie wichtig ist eine schnelle Umsetzung der Exit-Strategie und wie könnte diese aus Ihrer Sicht aussehen?

Gerhard Handke: Ein möglichst schneller Exit ist essenziell. Alle Rettungsschirme zusammen können nicht das auffangen, was der Shutdown die Wirtschaft kostet. Daher ist es jetzt das Wichtigste, die Unternehmen in die Situation zu versetzen, ihre Geschäfte wieder voll umfänglich aufzunehmen. Das gilt nicht nur für unsere eigenen Unternehmen, sondern selbstverständlich auch für unsere Kunden aus Industrie, Handwerk, Einzelhandel und Gastronomie. Dabei ist frühzeitige Information das A und O einer erfolgreichen Exit-Strategie und unentbehrlich, soll der Wiedereinstieg gelingen.

ElektroWirtschaft: Der Elektrogroßhandel und das Elektrohandwerk gelten als systemrelevant. Welche späteren Auswirkungen können sich für die Unternehmen durch die Coronakrise ergeben?

Gerhard Handke: Da wird es natürlich eine Fülle von Spätfolgen geben, die uns alle schwer belasten werden. Schon jetzt ist abzusehen, dass der Außenhandel einbrechen wird, weil der Virus überall auf der Welt wütet. Aber wir müssen natürlich darauf achten, dass die Binnennachfrage halbwegs stabil bleibt. Der Bausektor spielt für den BGA aufgrund der Vielzahl seiner bauorientierten Großhandelsbranchen – zu denen ja auch der Elektrogroßhandel gehört – eine zentrale Rolle. Noch läuft es einigermaßen gut, da bestehende Aufträge abgearbeitet werden müssen. Wir haben aber sehr wohl im Blick, dass bis zum Ende des Jahres ohne stützende Maßnahmen auch der Bausektor in Schwierigkeiten kommen könnte.

ElektroWirtschaft: Inwieweit besteht die Gefahr, dass andere wichtige Themen durch Corona in den Hintergrund geraten? Welche weiteren Ziele verfolgen Sie in diesem Jahr?

Gerhard Handke: Zunächst einmal haben wir das Problem, dass andere wichtige Themen in dieser Krise nicht aufgegeben werden. Die Bundesregierung hält an kostspieligen Projekten wie z.B. der Grundrente weiterhin fest, während wir der Ansicht sind, man sollte solche Maßnahmen lieber auf Eis legen. Auch Projekte wie das Lieferkettengesetz oder die Erschwernisse beim Importhandel werden weiter verfolgt. Hier einmal für zwei bis drei Jahre eine Atempause einzulegen, täte der Wirtschaft gut.

ElektroWirtschaft:Krisenzeiten sind Verbandszeiten“: Wie können sich Verbände in dieser Krise untereinander noch besser vernetzen, um gegenseitige Synergieeffekte zu generieren?

Gerhard Handke: Das geschieht zurzeit schon mit Hochdruck. Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft stehen ununterbrochen in Kontakt und stimmen sich in den verschiedensten Gruppierungen mehrmals wöchentlich ab. „Gemeinsam sind wir stark!“ gilt in diesen Zeiten mehr denn je.

ElektroWirtschaft: Inwieweit werden in dieser Zeit digitale Vorhaben noch schneller vorangetrieben?

Gerhard Handke: Corona wirkt wie ein Katalysator und wird unseren Gang in die Digitalisierung nochmals beschleunigen. Die erste Phase der Digitalisierung mit dem Schwerpunkt auf Social Media und Online-Handel ist weitgehend ohne Deutschland abgelaufen. Mit der Vernetzung der Industrie und dem Sprung in die Datenökonomie können wir das Blatt wenden. Aber die Rahmenbedingungen müssen auch stimmen. Tatsache ist, ohne digitale Sichtbarkeit und Erreichbarkeit geht es nicht. Gerade aktuell in dieser schweren Krise zeigt sich: Ohne Außendienst sowie aufgrund geschlossener Verkaufspunkte sind digitale Umsätze oftmals die einzige Möglichkeit und leisten jetzt einen wichtigen Beitrag, das Geschäft zu stabilisieren und Arbeitsplätze zu sichern.

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