„Am Schluss geht es um die Frage, wie etwas reell umgesetzt werden kann“

Im Interview mit der ElektroWirtschaft spricht Thomas Bürkle, Präsident Fachverband ­Elektro- und Informationstechnik Baden-Württemberg und Vizepräsident Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) über die Entwicklung der Elektromobilität, die Herausforderung beim Thema Ladeinfrastruktur sowie die Rolle von Elektrogroßhandel und Elektrohandwerk.

ElektroWirtschaft: Die Light + Building startet in Kürze. Erstmals wird dort auch das Thema Elektromobilität auf einer Sonderschau in Halle 9.0 präsentiert. Wie wichtig ist es, den Besuchern die Vielfalt an Lösungen deutlich zu machen?

Thomas Bürkle: Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung. Für den Bereich E-Mobilität muss es noch mehr reale Lösungen geben, insbesondere, wenn es um das Management mehrerer Ladesäulen an einem Ort geht. Hier sind intelligente Lösungen, vor allem im Bereich Regelung und Steuerung, aber auch für die Energieverteilung, erforderlich.

ElektroWirtschaft: Die Bundesregierung hat mit den Eckpunkten für das Klimaschutzprogramm 2030 ihren Plan für die Erreichung der Klimaschutzziele vorgelegt. Wie bewerten Sie die Ergebnisse aus Sicht des Elektrohandwerks?

Thomas Bürkle: Klar ist, dass die Energiewende zu einer zunehmenden Elektrifizierung führt. Ziel ist es ja, möglichst viel regenerativ gewonnene Energien einzusetzen – damit läuft alles auf strombasierte Lösungen hin. Was jedoch immer noch fehlt, sind detaillierte Umsetzungspläne.

Als Elektrohandwerke fordern wir vor allem eine technologieoffene Energieversorgung, d.h. primäres Ziel sollte sein, einen möglichst hohen Wirkungsgrad und eine maximale Minderung der CO2-Emissionen zu gewährleisten – bei einem möglichst hohen Einsatz Erneuerbarer Energien. Dabei sollte sichergestellt werden, dass die CO2-Bepreisung für den Verbraucher aufkommensneutral ist, dass also die Einnahmen an Privathaushalte und Unternehmen zurückfließen.

Das Klimaschutzprogramm wertet die Geschäftsfelder der E-Handwerke insgesamt auf, die Maßnahmen sind aber bei Weitem noch nicht ausreichend, um einen nachhaltigen Klimaschutz und die damit verbundenen politischen Ziele zu erreichen.

ElektroWirtschaft: Automobilhersteller sagen „Baut doch erst einmal die Ladeinfrastruktur aus, sonst können wir keine Autos verkaufen“; der potentielle Nutzer sagt: „Ich kaufe nur dann ein E-Auto, wenn es ausreichend Lademöglichkeiten gibt.“ Wer kann oder muss dieses Henne-Ei-Problem lösen? Hersteller, Verbraucher, Politik?

Thomas Bürkle: Über 80 Prozent der E-Autos werden daheim oder am Arbeitsplatz geladen. Jedoch kümmert sich der Kunde erst dann um die Installation einer wohnortbezogenen Ladeinfrastruktur, wenn er beabsichtigt, ein E-Auto zu kaufen. Um ihn hier zu unterstützen und das notwendige Know-how beziehungsweise eine adäquate fachliche Beratung sicherzustellen, sind wir als E-Handwerke gerade dabei, uns noch enger mit dem ADAC, dem KFZ-Gewerbe und KFZ-Herstellern zu verzahnen. Der Kunde wird dann künftig schon beim Kauf eines E-Autos an das Elektrohandwerk vor Ort verwiesen und kann sicher sein, einen kompetenten Partner für den Aufbau der Ladeinfrastruktur zu haben.

ElektroWirtschaft: Führt der Weg nur über das Elektrohandwerk, um die Technologie erfolgreich umzusetzen und flächendeckend den Verbrauchern zur Verfügung zu stellen? Welche Rolle spielt der Elektrogroßhandel?

Thomas Bürkle: Zum Thema Elektromobilität und Energiewende wird es viele Ansprechpartner geben. Am Schluss geht es um die Frage, wie etwas reell umgesetzt werden kann. Dies kann nur das qualifizierte E-Handwerk vor Ort. Es geht hier um Einzellösungen, die individuelle Beratung benötigen. Kurzum: Wir in der Branche sind das Zukunftshandwerk. Man könnte sogar behaupten, dass wir der „Energiewender“ und Klimaschützer Nr. 1 sind. Der Elektrogroßhandel muss sich aber darauf einstellen, dass Produkte schnell und in hoher Stückzahl lieferbar sind, denn die Nachfrage wird steigen!

ElektroWirtschaft: Inwieweit hat das Handwerk die Ausbildungsgänge angepasst?

Thomas Bürkle: Bei der letzten beruflichen Neuordnung im E-Handwerk haben wir schon viele derzeit aktuelle Themen mit abgebildet. Im Moment sind wir gerade dabei, die Berufe so anzupassen, dass sich Zukunftsthemen und -technologien wie Elektromobilität, Digitalisierung, Smart Home oder auch Speicher- und Kommunikationstechniken wie zum Beispiel Glasfaser oder polymere optische Fasern in den Ausbildungsinhalten noch besser widerspiegeln. In diesem Zuge wird auch ein ganz neuer Ausbildungsberuf für den Bereich Gebäudeautomation und Smart Home eingeführt: der Elektroniker für Gebäudesystemintegration. Und natürlich berücksichtigen wir bei der Neuordnung der Ausbildungsberufe auch besondere Anforderungen an die Branche wie Nachhaltigkeit oder Recycling, die eine zunehmend größere Rolle spielen werden. Die Elektrohandwerke leisten damit – künftig noch mehr als heute – einen wichtigen Beitrag zu Klimaschutz und Energiewende!

ElektroWirtschaft: Skeptiker prognostizieren „die Elektromobilität wird Arbeitsplätze kosten“. Kann das Handwerk einen drohenden Jobabbau bei Autoherstellern und Zulieferern abfedern?

Thomas Bürkle: Zunächst wird die Elektromobilität aufgrund des strukturellen Wandels im Antriebsstrang des Automobilsektors Arbeitsplätze in der Automobilindustrie kosten. Der größte Stellenabbau findet dort jedoch bereits durch die Automation von Prozessen und durch den Rückgang an Verbrennungsmotoren statt. Wenn es im zweiten Schritt gelingt, Batterien für den Automobilbereich und sogar Brennstoffzellen-Fahrzeuge herzustellen, dann würde der Bedarf an Mitarbeitern wieder steigen.

Wir in den E-Handwerken hingegen brauchen Fachkräfte. Die Frage ist aber, ob wir die oftmals gering- oder nur teilqualifizierten Mitarbeiter aus dem Automobilsektor bei uns einsetzen können. Denn diese zu einer qualifizierten Elektrofachkraft, wie wir sie aktuell benötigen, weiterzuentwickeln, erfordert einen relativ hohen Aufwand. Wichtiger wäre es, die Zuwanderung gezielter zu steuern und dafür zu nutzen, unseren Fachkräftebedarf zu decken. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz geht daher in die richtige Richtung.

ElektroWirtschaft: Wer eine größere Flotte auf E-Fahrzeuge samt Ladeinfrastruktur umstellen will, gelangt schnell an finanzielle Grenzen. Ist eine 1-zu-1-Umstellung realistisch umsetzbar?

Thomas Bürkle: Kein Mensch stellt seine Flotte auf einen Schlag komplett um – sinnvoll ist ein sukzessiver Umstieg. Natürlich muss man dafür erst einmal in die Ladeinfrastruktur investieren. Doch danach profitiert man auch preislich von der E-Mobilität, besonders, wenn man seine eigene Stromgewinnung – zum Beispiel eine Photovoltaik-Anlage auf dem Firmengelände, die idealerweise mit einem elektrischen Speicher gekoppelt ist – nutzt.

Durch das künftige Flottenabkommen, bei dem die KFZ-Hersteller auf den CO2-Ausstoß achten müssen, werden ab diesem Jahr die Preise für Elektromobilität weiter fallen. Irgendwann müssen wir uns jedoch die Frage stellen, auf welchem Niveau wir die CO2-Bepreisung ansetzen. Wenn die Energiekosten bei den Verbrennern steigen, fallen gleichzeitig die Preise im Elektrobereich. Die Frage ist dann, wo der Break-even liegt.

ElektroWirtschaft: Wird es einen kulturellen Wandel in der Gesellschaft brauchen, um die E-Mobilität zu akzeptieren?

Thomas Bürkle: Ja, auf jeden Fall. Wir sind aber schon mittendrin! Die jungen Leute sehen das Auto mittlerweile nicht mehr als Statussymbol an. Ihnen ist wichtig, umweltgerecht zu leben und gleichzeitig von A nach B zu kommen. So gewinnen auch die Bereiche Elektromobilität, öffentlicher Nahverkehr, Carsharing und Bahn an Bedeutung. Die Elektromobilität ist somit der Ausdruck der neuen grünen Bewegung.

ElektroWirtschaft: Mehr Elektroautos bedeuten auch mehr Strombedarf. Wie kann Ihrer Einschätzung nach der erhöhte Strombedarf in Zukunft gedeckt werden?

Thomas Bürkle: Ich stimme Ihnen zu. Es gibt einen größeren Strombedarf. Aber durch den Einsatz intelligenter Technik und eine Änderung des Nutzerverhaltens könnten wir unseren Stromverbrauch bereits jetzt um bis zu 30 Prozent senken und damit den kompletten Energiebedarf für Elektromobilität decken. Trotzdem bräuchten wir ein weiteres Umdenken in der Gesellschaft – von einer rein betriebswirtschaftlichen, am eigenen Geldbeutel orientierten Betrachtung hin zu einer volkswirtschaftlichen. Darüber hinaus ist ein noch viel stärkerer Ausbau der regenerativen Energien und intelligenten Netze nötig.

ElektroWirtschaft: Wie wird der E-Mobility-Markt etwa im Jahr 2030 aussehen?

Thomas Bürkle: Dann haben wir einen Bestand von acht bis zehn Millionen Elektrofahrzeugen, die Neukaufquote liegt meines Erachtens bei 70 Prozent. Weiterhin wird es 2030 auf jeden Fall Großfahrzeuge mit Brennstoffzellen geben, und Flugzeuge werden mit sogenannten „Refuels“ fliegen. Hinter diesem Begriff stecken nachhaltige Kraftstoffe, die mit Hilfe Erneuerbarer Energien erzeugt werden. Darüber hinaus werden Elektrofahrräder und E-Roller, vielleicht auch elektrische Drohnen, ganz selbstverständlich genutzt. All diese Fahrzeuge werden zu 90 Prozent recycelt, und die wertvollen Materialien wiederverwendet. Ich bin davon überzeugt, dass wir 2030 viel umweltfreundlicher leben werden als bisher!

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