Künstliche Intelligenz hat in Deutschland erstmals die Mehrheit der Unternehmen erreicht: Erstmals setzt mit 57 Prozent der Großteil der Unternehmen KI ein. Vor einem Jahr waren es erst 36 Prozent, vor zwei Jahren gerade einmal 20 Prozent. Weitere 38 Prozent planen oder diskutieren aktuell den Einsatz. Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. „Künstliche Intelligenz ist keine Sache einzelner Vorreiter, sie ist in der Breite der Wirtschaft angekommen. Und das in einem Tempo, das wir bei keiner Technologie zuvor gesehen haben. Für die meisten ist damit aber nur der Einstieg geschafft, die eigentliche Arbeit beginnt jetzt”, sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst.
Grundsätzliche Zweifel an der Technologie gibt es in der Wirtschaft kaum noch. 91 Prozent der Unternehmen halten KI für die wichtigste Zukunftstechnologie, nach 81 Prozent im Vorjahr und 73 Prozent im Jahr 2024. Mit Blick auf das eigene Unternehmen sehen 80 Prozent KI überwiegend als Chance, 18 Prozent eher als Risiko.
Zugleich zeigt die Befragung eine große Verunsicherung rund um KI. 61 Prozent meinen, dass Unternehmen ohne KI-Nutzung keine Zukunft haben (2025: 51 Prozent). 56 Prozent sind der Ansicht, Deutschland habe bei KI den Anschluss verloren. 34 Prozent sorgen sich, dass KI die Existenz ihres Unternehmens gefährdet – nach 23 Prozent im Vorjahr.
Vom Kundenkontakt in die Tiefe des Unternehmens
Am häufigsten arbeitet KI weiterhin im Kundenkontakt, etwa bei der Bearbeitung von Anfragen (72 Prozent), sowie in Marketing und Kommunikation (54 Prozent). Deutlich zugelegt haben allerdings Bereiche, die im Vorjahr noch eine geringe Rolle spielten: internes Wissensmanagement 22 Prozent (2025: 11 Prozent), KI in eigenen Produkten und Dienstleistungen 20 Prozent (12 Prozent), KI im Vertrieb 14 Prozent (5 Prozent) oder in der IT-Abteilung 9 Prozent (2 Prozent).
Aktuell rücken KI-Agenten in den Blick. Anders als ein Chatbot, der auf Fragen antwortet, handelt ein Agent selbstständig, indem er zum Beispiel Preisvergleiche durchführt, Angebote einholt und auch Entscheidungsoptionen ausarbeitet. 11 Prozent setzen solche Agenten schon ein, 29 Prozent planen den Einsatz und 31 Prozent diskutieren ihn. „KI-Agenten stehen heute etwa dort, wo Künstliche Intelligenz insgesamt vor drei Jahren stand. Sie werden sich aber ähnlich schnell verbreiten”, sagt Wintergerst.
KI zahlt sich messbar aus
Zwei Drittel der Unternehmen, die KI einsetzen, haben damit ihre Wettbewerbsposition verbessert (66 Prozent). 48 Prozent konnten durch KI ihre internen Prozesse deutlich beschleunigen, 45 Prozent sehen einen messbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg. Bei 40 Prozent hat sich die Qualität der Produkte oder Dienstleistungen verbessert, 36 Prozent haben mit KI sogar neue Produkte oder Dienstleistungen entwickelt.
Aus Sicht der Unternehmen wäre aber noch deutlich mehr möglich. Kein Unternehmen schöpft nach eigener Einschätzung das Potenzial von KI vollständig aus, nur 3 Prozent tun es eher stark. Dagegen sagen 28 Prozent, sie nutzten das KI-Potenzial eher wenig, 59 Prozent überhaupt nicht.
Fast die Hälfte der Unternehmen gibt mehr Geld für KI aus
Schaut man auf das Budget, treiben die Unternehmen den KI-Einsatz weiter voran. 45 Prozent aller Unternehmen wenden 2026 mehr Geld für KI auf als im Vorjahr – 13 Prozent deutlich mehr, 32 Prozent eher mehr.
Wofür die Kosten anfallen, widerspricht dabei einem verbreiteten Bild. Als großen Kostenpunkt nennen 51 Prozent der KI-Anwender die Infrastruktur wie Cloud und Rechenleistung, 50 Prozent die Aufbereitung von Daten und 41 Prozent die Integration in bestehende Systeme. Abos und Lizenzen für KI-Software sind nur für 21 Prozent ein großer Kostenpunkt, sie liegen damit gleichauf mit den Ausgaben für externe Beratung.
Was den KI-Einsatz bremst
Wer bislang keine KI einsetzt, tut das vor allem, weil ihm technisches Know-how zur Implementierung fehlt – das sagen 85 Prozent der Unternehmen ohne KI. Vom KI-Einsatz fühlen sie sich weiterhin abgehalten durch verunsichernde rechtliche Hürden und Unklarheiten (66 Prozent), schwer zu kalkulierende Kosten (63 Prozent) und fehlende personelle Ressourcen (51 Prozent).
Auch Unternehmen, die KI bereits im Einsatz haben, sehen sich Hindernissen gegenüber. Vorne stehen hier Anforderungen an den Datenschutz mit 66 Prozent, gefolgt von rechtlicher Verunsicherung (56 Prozent), schwer zu kalkulierenden Kosten (54 Prozent) und der Sorge, dass Unternehmensdaten in falsche Hände gelangen (45 Prozent). „Vor dem Einstieg ist vor allem die Technologie das Problem, wer KI im Haus hat, ringt mit Datenschutz und der Frage, was erlaubt ist“, sagt Wintergerst.
Erfahrung dämpft die Sorge um Arbeitsplätze
Für die kommenden zwei Jahre erwarten 45 Prozent der Unternehmen einen leichten und 12 Prozent einen deutlichen Rückgang der Gesamtzahl ihrer Beschäftigten durch KI. 14 Prozent rechnen dagegen mit einem leichten Anstieg, kein Unternehmen mit einem deutlichen. Unternehmen, die KI bereits einsetzen, rechnen nur zu 9 Prozent mit einem deutlichen Stellenrückgang und damit sehr viel seltener als Unternehmen ohne KI-Einsatz, bei denen 15 Prozent davon ausgehen. Gleichzeitig erwarten Unternehmen, die KI bereits anwenden, mit 18 gegenüber 9 Prozent doppelt so häufig einen Anstieg der Beschäftigtenzahl durch KI.
Mehr Unternehmen sehen sich vom AI Act betroffen – und die Kritik wächst
Der AI Act ist in diesem Jahr in der Wirtschaft angekommen. 37 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, als Anwender vom AI Act betroffen zu sein, nach 23 Prozent im Vorjahr. 34 Prozent prüfen das derzeit, 18 Prozent sehen sich nicht betroffen, 8 Prozent haben sich mit dem AI Act noch nicht beschäftigt. Von den Unternehmen, die betroffen sind oder das prüfen, rechnen 89 Prozent mit einem hohen Umsetzungsaufwand, 51 Prozent sogar mit einem sehr hohen. Und 66 Prozent aller Unternehmen sind der Meinung, der AI Act schaffe mehr Nachteile als Vorteile für deutsche Unternehmen, im Vorjahr waren das noch 56 Prozent. „Der AI Act sollte Vertrauen schaffen, erzeugt aber weitverbreitete Unsicherheit. Die Unsicherheit wächst, je genauer die Unternehmen hinsehen”, sagt Wintergerst.








