Niedrigwasser am Rhein oder die Blockade der Straße von Hormus haben zuletzt Transporte verteuert, Lieferungen verzögert und Unternehmen zum Umplanen gezwungen. Solche Engpässe machen deutlich, wie schnell ganze Lieferketten unter Druck geraten können – und wie sehr sowohl die deutsche Wirtschaft als auch Verbraucherinnen und Verbraucher im Alltag auf eine funktionierende Logistik angewiesen sind. Vor diesem Hintergrund setzt die Logistikbranche große Hoffnungen auf digitale Technologien und KI.
91 Prozent der Logistikunternehmen sehen die Digitalisierung als Chance. Künstliche Intelligenz ist inzwischen in rund jedem zweiten Logistikunternehmen im Einsatz. Vor allem fehlende Fachkräfte, Sicherheitsbedenken und Zeitmangel bremsen die Unternehmen aber im digitalen Wandel. Das zeigt eine repräsentative Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom unter 502 Logistikunternehmen ab 20 Beschäftigten in Deutschland.
An der Spitze der Herausforderungen stehen derzeit hohe Energiepreise, die praktisch alle (100 Prozent) der deutschen Logistikunternehmen beklagen. 87 Prozent der Unternehmen nennen den Fachkräftemangel, 71 Prozent Unterbrechungen der Lieferketten als große Herausforderungen. Auch zu viel Bürokratie (59 Prozent) sowie geopolitische Krisen und internationale Konflikte (54 Prozent) belasten die Mehrheit der Branche. Die Logistikunternehmen haben das Potential der Digitalisierung erkannt. 91 Prozent sehen sie als Chance, nur 7 Prozent bewerten sie eher als Risiko.
Digitale Logistik: Plus für Prozesse, Umwelt und Personal
Die Digitalisierung von Prozessen und Lieferketten gelingt mittlerweile den meisten Unternehmen gut, stellt mit 42 Prozent aber noch für nahezu die Hälfte eine große Herausforderung dar (2022: 52 Prozent). Der erwartete Nutzen reicht dabei weit über Kostensenkungen hinaus. 66 Prozent nennen eine höhere Transparenz der Lieferketten als einen der wichtigsten Vorteile digitaler Anwendungen, 64 Prozent einen besseren Service für Endkunden. 60 Prozent erwarten eine geringere Umweltbelastung.
Was den eigenen Digitalisierungsstand angeht, so zeigen sich Deutschlands Logistiker selbstbewusst: 49 Prozent sehen ihr Unternehmen als Vorreiter, weitere 7 Prozent sogar an der Spitze. Im internationalen Vergleich fällt das Urteil über die deutsche Logistik aber sehr viel bescheidener aus. Kein Unternehmen sieht Deutschland weltweit führend, 18 Prozent ordnen die Branche in der Spitzengruppe ein. Mit 51 Prozent sieht die Mehrheit Deutschland im Mittelfeld, 25 Prozent unter den Nachzüglern und 4 Prozent abgeschlagen.
Knowhow, Sicherheit und Zeit bremsen stärker als Geld
Die größten Hindernisse für die digitale Transformation liegen aus Sicht der Unternehmen vor allem bei fehlenden Digitalkompetenzen der Belegschaft und Sicherheitsfragen. 73 Prozent nennen einen Mangel an Fachkräften beziehungsweise Knowhow als größtes Hemmnis für die Digitalisierung der Logistik. Dahinter folgen Sorgen um IT- und Datensicherheit (58 Prozent) und fehlende Zeit im Alltagsgeschäft (57 Prozent). Fehlende finanzielle Mittel folgen mit 48 Prozent erst dahinter.
Der aktuelle Personalbedarf soll sich durch die Digitalisierung verschieben. Besonders deutlich wird die Verschiebung bei IT-Fachkräften: 47 Prozent der Unternehmen erwarten durch die Digitalisierung bis 2035 einen steigenden Bedarf, nur 13 Prozent einen sinkenden (Saldo +34 Prozentpunkte). Bei Fahrerinnen und Fahrern, Lager- und Vertriebsfachkräften ist das Bild dagegen umgekehrt: Hier rechnen mehr Unternehmen mit einem sinkenden als mit einem steigenden Bedarf.
KI wird auch in der Logistik zur Technologie Nummer eins
So gut wie kein Logistikunternehmen kommt noch ohne digitale Technologien aus. Bei den eingesetzten Technologien liegt aktuell Cloud Computing vorne: 61 Prozent der Logistikunternehmen nutzen Cloud-Lösungen, 54 Prozent IoT- beziehungsweise Sensortechnologien und 51 Prozent Künstliche Intelligenz.
Besonders dynamisch entwickelt sich dabei Künstliche Intelligenz, die damit auch in der Logistik zur gefragtesten Technologie wird. Erstmals hat mehr als die Hälfte der Logistikunternehmen KI im Praxiseinsatz. Ihr Anteil stieg von 22 Prozent in 2022 auf nun 51 Prozent. Weitere 22 Prozent planen den Einsatz von KI, 14 Prozent diskutieren ihn. Damit ist KI für 87 Prozent der Logistikunternehmen ein Thema.
Die Erwartungen der Branche an KI sind hoch: 57 Prozent glauben, dass KI interne Prozesse kostengünstiger abwickeln kann, 55 Prozent sehen in ihr ein Mittel gegen den Fachkräftemangel. Gleichzeitig bleiben Vorbehalte gegenüber den Fähigkeiten der Technologie: 58 Prozent meinen, KI werde niemals so gut sein wie eine ausgebildete Logistik-Fachkraft.
Genau hier besteht noch Nachholbedarf: 54 Prozent der Unternehmen sagen, ihnen fehle die Expertise, um KI in ihre Logistikprozesse einzubinden. Viele reagieren bereits auf diesen Engpass: Insgesamt 73 Prozent der Logistikunternehmen bieten ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern KI-Schulungen an. Ein Viertel (25 Prozent) bietet bislang überhaupt keine KI-Schulungen an.
Robotik: Die Vorteile sind klar, aber in der Praxis bleibt Skepsis
Auch Robotik und autonome Transportsysteme gelten als mögliche Antwort auf Effizienz- und Personalprobleme. 68 Prozent der Unternehmen sind überzeugt, dass Roboter Logistikprozesse effizienter machen können, 66 Prozent erwarten eine Verbesserung der Arbeitssicherheit. Zugleich sieht die Branche praktische Hürden: 51 Prozent sagen, der Einsatz von Robotern lohne sich für das eigene Unternehmen finanziell nicht, ebenso viele berichten von Skepsis unter den Beschäftigten.
Investitionen in Digitalisierung steigen – auch in 2027
2027 planen 42 Prozent der Logistikunternehmen mehr Digitalinvestitionen: 15 Prozent wollen ihre Investitionen stark anheben und weitere 27 Prozent wollen sie eher anheben. 45 Prozent wollen sie auf dem bisherigen Niveau halten, 11 Prozent wollen sie senken.
Logistik 2036: intelligent, transparent und automatisiert
Entsprechend digital fällt der Blick der Branche auf die Logistik in zehn Jahren aus. 69 Prozent erwarten, dass Künstliche Intelligenz in 2036 große Teile der Lieferketten in Echtzeit steuern wird. 68 Prozent rechnen mit auch für Endkunden vollständig transparenten und digital nachvollziehbaren Lieferketten. 59 Prozent gehen davon aus, dass in Lagerhallen überwiegend humanoide Roboter arbeiten werden.








