Familienunternehmen gelten als besonders resilient, langfristig orientiert und entscheidungsstark. Dennoch stockt die Transformation in der Praxis oft. Prof. Dr. Nadine Kammerlander, Leiterin des Instituts für Familienunternehmen an der WHU – Otto Beisheim School of Management, spricht im Interview über typische Blockaden, die Rolle von Governance und Beiräten sowie Wege, wie Digitalisierung, Fachkräftemangel und Nachfolge gelingen, ohne Werte zu verlieren.
Frau Prof. Kammerlander, Familienunternehmen gelten als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Bekommen sie politisch genug Wertschätzung und welche Rahmenbedingungen brauchen sie jetzt am dringendsten?
Prof. Nadine Kammerlander: Tatsächlich werden Familienunternehmen in der politischen Debatte oft nicht so wahrgenommen und wertgeschätzt, wie es ihrer eigentlichen Position entspricht. Der Fokus liegt häufig auf Großunternehmen und Konzernen. Familienunternehmen gehen dabei eher unter. Zudem fehlt oft das Verständnis dafür, wie unterschiedlich ihre Bedingungen im Vergleich zu Großkonzernen sind. In den letzten Jahren hat sich die Diskussion stark auf die Erbschaftssteuer zugespitzt. Dabei wird übersehen, dass es viele andere Themen gibt, die für den Mittelstand wichtig wären. Aber wir brauchen Familienunternehmen. Aktiengesellschaften sind nicht per se besser und häufig kurzfristiger ausgerichtet. Mehr Kapitalbeteiligungsgesellschaften, womöglich in ausländischer Hand, würden die Situation für Mitarbeiter und Standorte in Deutschland nicht verbessern. Am Ende gibt es kaum bessere Eigentümer als Unternehmerfamilien. Was Familienunternehmen heute besonders brauchen, ist vor allem Stabilität in den politischen Entscheidungen. Sie können ihr Budget nur einmal ausgeben. Wenn es investiert ist, fehlt es für Jahre – anders als bei Konzernen mit Reserven. Zweitens brauchen sie so wenig Bürokratie wie möglich. Neue Dokumentationspflichten treffen sie stärker, da ihnen die zusätzlichen Kapazitäten fehlen.
Viele Familienunternehmen stehen im Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Wandel. Wo sehen Sie in Ihrer Forschung typische Blockaden in Transformationsprozessen und wie gelingt es, Tradition als Stärke zu nutzen, ohne Innovationskraft zu verlieren?
Prof. Nadine Kammerlander: In der Forschung sprechen wir hier oft von einem Dilemma zwischen Motivation und Fähigkeit zum Wandel. Familienunternehmen sind grundsätzlich absolut fähig zur Transformation. Sie haben klare Entscheidungslinien, eine langfristige Orientierung und hohe Verbindlichkeit. In Nicht-Familienunternehmen kann man Veränderungen manchmal „aussitzen“. Bei einem Familien-CEO, der 20 oder 30 Jahre im Amt bleibt, funktioniert das nicht. Trotzdem scheitert Wandel häufig an Motivation oder Mut. Ein zentraler Punkt ist das Netzwerk. Wenn sich ein 70-jähriger Familienunternehmer vorwiegend mit anderen 70-jährigen Unternehmern aus derselben Branche austauscht, werden Veränderungen oft nicht erkannt. Das gilt genauso für Beiräte. Wenn dort wieder dieselben Profile sitzen, also ältere Kollegen sowie Steuerberater und Anwalt, fehlt Diversität. Und ich meine Diversität nicht im Sinne einer Quote, sondern im Sinne von Alter, Erfahrungen und Internationalität. Das macht risikoavers, verstärkt die Angst vor neuen Schritten und führt dazu, dass zu wenig Ressourcen in Innovation fließen. Was hilft? Innovativ sind vor allem diejenigen, die sich ernsthaft fragen: Was sind eigentlich unsere Werte? Selten ist das „wir können Elektrokabel besonders hochwertig herstellen“, sondern eher Kundennähe oder Qualität. Wer das weiß, kann überlegen, wie sich diese Werte in der neuen Welt anwenden lassen – als Prozess, oft in kleinen Schritten.
Das gesamte Interview finden Sie in der neuen Ausgabe der ElektroWirtschaft: 02/2026.








