„Smart Home ist nicht nur einer technikaffinen Nische vorbehalten“

Im Interview mit der ElektroWirtschaft spricht Adalbert Neumann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Busch-Jaeger Elektro GmbH, über die Entwicklung des Themas Smart Home und die Erfahrungen bei der weiteren Verbreitung von Smart Home-Lösungen auf dem Weg in den Massenmarkt.

ElektroWirtschaft: Zu Beginn des Jahres war die Elektrobranche von Tatendrang und Optimismus geprägt. Einschnitte durch eine weltweite Pandemie standen nicht auf der Agenda der Unternehmen. Wie ist Ihre Stimmung aktuell? Welches Zwischenfazit ziehen Sie für sich und Busch-Jaeger in diesem besonderen Jahr 2020?

Adalbert Neumann: Als Covid-19 begann waren wir quasi gerade auf dem Weg zur Light + Building. Wir hatten das Messetraining für unsere Mitarbeiter durchgeführt und haben uns richtig darauf gefreut, uns in Halle 12 mit einem neuen Messestand präsentieren zu dürfen.

Mit den Vorkehrungen, die ABB weltweit für seine Unternehmen trifft, sind wir bis heute sicher gefahren. Von der Marktseite aus betrachtet bin ich sehr froh darüber, dass in den Märkten, in denen Busch-Jaeger aktiv ist, die Elektroinstallateure weiterarbeiten durften und von den jeweiligen Regierungen zur kritischen Infrastruktur gezählt wurden. Das hat dazu geführt, dass sich unser Geschäft in den ersten sieben Monaten des Jahres positiv gegenüber dem Vorjahr entwickelt hat.

ElektroWirtschaft: Ist die Corona-Pandemie ein Vernetzungs-Beschleuniger? Welche Tendenzen hinsichtlich smarter Vernetzung und Digitalisierung können Sie feststellen?

Adalbert Neumann: Die Pandemie hat die ganze Wirtschaft vor besondere Herausforderungen insbesondere im Bereich der Digitalisierung gestellt und sicher viele Prozesse beschleunigt. Wenn wir allein die Art der Kommunikation von und zu unseren Kunden betrachten, erkennen wir einen erheblich intensiveren Dialog, der auf neuen Kanälen und mit neuen Formaten geführt wird. So haben wir, auch wenn unsere wichtigen Messen in diesem Jahr leider nicht stattfinden können, Wege gefunden, mit unseren Kunden digital in Interaktion zu treten und virtuelle Möglichkeiten angeboten, sich über die Produktneuheiten zu informieren.

Ein Beispiel: In Utrecht haben wir ein Living Space Experience Center aufgebaut. In diesen Showrooms präsentieren wir real seit etwa sechs Jahren die Themen Smart Home und Smart Building für Kunden und Architekten. Jetzt haben wir ein virtuelles Konzept entwickelt. Wir nennen es Virtual Living Space Experience World und gibt unseren Kunden die Möglichkeit, die Themen am Bildschirm realitätsnah zu erleben, ohne vor Ort präsent zu sein. Das Schöne ist, dass sich dieses Konzept leicht in zahlreichen Ländern mit relativ wenig Aufwand aufbauen lässt. Bald werden so auch in Finnland, Tschechien, Indien und Indonesien Kunden daran teilhaben können, weil uns neue Technologien gerade im Bereich der Digitalisierung hier neue Kommunikationsräume öffnen.

ElektroWirtschaft: Kluge Kühlschränke, intelligente Zahnbürsten und ein smarte Heimvernetzung: Setzt sich der Trend in Deutschland eher langsam oder schnell durch?

Adalbert Neumann: Kluge Kühlschränke und Spracheingabesysteme wie Alexa oder Siri spielen eine wichtige Rolle beim Wachstum von Smart Home-Lösungen. Das lässt sich auch sehr direkt in unseren Geschäftszahlen ablesen. Die prozentuale Umsatzentwicklung bei Busch-Jaeger ist im Bereich Smart Home deutlich höher als beispielsweise im klassischen Schalter-Geschäft. Besonders sticht diese Entwicklung im B2B-Bereich – angeführt durch KNX und free@home – ins Auge. Darüber hinaus unterstützen Themen wie zum Beispiel der Ausbau der Elektromobilität oder nachhaltiges Energiemanagement den Bedarf an vernetzten Lösungen. Gemessen an anderen Märkten ist Deutschland schon sehr schnell unterwegs.

ElektroWirtschaft: Aktuellen Umfragen kann man entnehmen, dass die Bereitschaft der Kunden steigt, in Smart Home-Anwendungen zu investieren. Bislang erreicht man aber eher die technikaffinen Vorreiter als die breite Masse: Wie sind Ihre Erfahrungen?

Adalbert Neumann: Das Thema Smart Home ist bereits in der Breite angekommen. Unsere Erkenntnis ist, dass unsere Nutzer das Thema gerne ausprobieren – häufig starten sie dabei mit Plug-and-play-Lösungen. Mit den ersten Erfahrungen steigt dann das Interesse an den vielfältigen Möglichkeiten eines Smart Home. Damit können wir sagen, dass das Thema nicht nur einer technikaffinen Nische vorbehalten ist. Insbesondere die Zunahme an Komfort und Sicherheit macht das Smart Home immer mehr für die Breite der Gesellschaft interessant. Dennoch sind die Kenntnisse im Bereich Smart Home noch vergleichsweise gering. Um das Thema weiter nach vorne zu bringen, ist noch viel Kommunikationsarbeit zu leisten.

ElektroWirtschaft: Was ist aus Ihrer Sicht der Erfolgsfaktor von Busch-free@home? Ist eine Weiterentwicklung geplant?

Adalbert Neumann: Wir entwickeln Busch-free@home kontinuierlich weiter, denn auch die Bedarfe unserer Nutzer entwickeln sich über die Zeit und werden immer vielfältiger. In diesem Jahr haben wir beispielsweise die Vernetzung und Integration von Rauchmeldern integriert. Neu ist auch die Verbindung zu unserer Sprechanlage Busch-Welcome.

Für Entwickler haben wir unsere Schnittstelle (API) geöffnet. So können spezialisierte Firmen für Ihre Anwendungsfälle über unsere Schnittstelle ihre Lösungen an Busch-free@home andocken.

Und genau da sind wir beim Kern der Erfolgsgeschichte: Das System ist relativ einfach zu installieren, leicht zu verstehen, hat sinnvoll abgegrenzte Funktionalität und ist somit für eine Smart Home- Lösung ideal ausbalanciert. Mit dem Öffnen der Schnittstelle öffnen wir nun die Kopplung verschiedener Sektoren auf einer Plattform. Das System ist nicht mehr nur noch in der Busch-Jaeger-Welt zu Hause ist, sondern öffnet sich auf Basis strenger Qualitätskriterien zusätzlichen Anwendungswelten

ElektroWirtschaft: Die App Busch-free@home® Next wurde kommt neu gestaltet auf den Markt. Welche Vorzüge bietet die App? Liegt wie so oft der Schlüssel in der Einfachheit der Bedienung?

Adalbert Neumann: Bei der Entwicklung einer guten App geht es vor allem darum, die Bedürfnisse des Nutzers in den Mittelpunkt zu stellen. Diese kann man leicht zusammenfassen: hoher Nutzen gepaart mit einfacher Bedienung. Was ganz einfach klingt, ist in der technischen Umsetzung ein großer Wurf. Und das scheint mit der App gelungen zu sein, denn sie ist mit dem Red Dot Award ausgezeichnet worden. Diese Anerkennung macht uns sehr froh und stolz.

ElektroWirtschaft: Busch-RoomTouch® erweitert Ihr KNX-Portfolio um eine designorientierte Alternative für Anwender, die eine dezentrale Raumsteuerung bevorzugen. Welche Rolle spielt für Ihre Kunden der Designfaktor bei der Auswahl Ihrer bevorzugten Lösungen?

Adalbert Neumann: Design ist zusammen mit Qualität eines der wesentlichen Kriterien in der Entscheidung unserer Kunden. Es betrifft die Ästhetik der Produkte, aber auch ihre Nutzbarkeit und ihre Bedienfreundlichkeit und Installierbarkeit. Deshalb fließen Teile unserer Investitionen beispielsweise in Themen wie Oberflächendesign, User-Interface-Design, User-Experience-Design.

ElektroWirtschaft: Ihr optimierter Konfigurator myBUSCH-JAEGER hilft Interessenten bei der Entscheidung für ein passendes Smart Home-System. Welche Erfahrungswerte konnten Sie inzwischen gewinnen? Auf welche Anwendungen wird von Ihren Kunden am meisten Wert gelegt?

Adalbert Neumann: Als Elektroinstallateur sind Planungszeit und Planungssicherheit wichtige Pfeiler des Erfolgs. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie möchten eine Sprechanlage für ein Acht-Familien-Haus durchführen. Dazu erstellen Sie Zeichnungen und Stücklisten, für die Sie in der Planung etwa einen halben Tag aufwenden. Der Welcome Konfigurator ermöglicht die schnelle Planung einer Anlage inklusive Außenschaltplan, Übersichtsverbindungsplan und bebilderter Stückliste. Die Nutzung des Konfigurators stellt so einen Gewinn an Zeit und Qualität im weiteren Prozess dar.

ElektroWirtschaft: Wie könnte das Smart Home in zwanzig bis dreißig Jahren aussehen? Mit welchen Funktionen würde es seine Bewohner unterstützen?

Adalbert Neumann: Das ist eine spannende Frage. Ein Element zeichnet sich aktuell deutlich ab: Klimaschutz und damit Nachhaltigkeit und Energieverbrauch kommen immer tiefer in unser Bewusstsein. Ich glaube, dass wir in Zukunft Lösungen benötigen werden, die die Energie in den Wohngebäuden vollkommen autark durch Algorithmen optimieren. So können wir einen großen Teil unserer CO2-Probleme lösen. Das Smart Home wird zu einem intelligenten, vernetzten, sektorübergreifenden Haus. Wie ich – zusätzlich zu den heutigen Funktionen – Energie erzeuge, sie optimal nutze und zusätzlich Mobilität nachhaltig integriere, das muss ein Smart Home zukünftig leisten können.

ElektroWirtschaft: Die IFA hat ein neues Messekonzept präsentiert. In diesem Jahr haben Sie nicht an der Messe teilgenommen. Was waren die Gründe und welche Alternativen bieten sich, um Ihre Kundenansprache zu forcieren?

Adalbert Neumann: Die IFA ist eine Endkundenmesse, über die wir in den letzten Jahren unsere Marke sehr deutlich im Bereich Smart Home positioniert haben. Das Konzept der diesjährigen Veranstaltung war stark reduziert und ohne Endkunden aufgestellt. Eine IFA unter normalen Bedingungen ist für uns wieder eine erste Adresse. Alternativ werden wir unsere IFA-Neuheiten in digitaler Form präsentieren.

ElektroWirtschaft: Die Elektrobranche entwickelt ihre digitalen Prozesse weiter. ELBRIDGE 2.0 ermöglicht es jetzt, dass der Handwerker den Konfigurator direkt über die Website des Herstellers aufruft und entsprechende Konfigurationsergebnisse anschließend in den gewünschten Großhandelsshop überträgt. Wie beurteilen Sie diesen Entwicklungsschritt?

Adalbert Neumann: Für unsere Branche ist diese Entwicklung eine richtungsweisende Innovation und eine Stärkung des dreistufigen Vertriebes. Dass der Elektrogroßhandel hunderte unterschiedlicher Konfiguratoren in die eigenen ERP-Systeme integriert, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Als Branche sind wir uns einig, dass eine standardisierte Schnittstelle deutlich mehr Einfachheit, weniger Komplexität und weniger Kosten auf allen Seiten nach sich zieht – eine echte Win-win-Situation. Damit steigt die Bedeutung der Konfiguratoren als Alleinstellungsmerkmal. Je besser der Konfigurator ist, desto größer ist auch der Wettbewerbsvorteil. Und das ist gut so, da so der Kundennutzen letzten Endes kontinuierlich gesteigert wird.

ElektroWirtschaft: Wie wird Busch-Jaeger weitere Unterstützung auf dem Weg zur „Seamless Customer Experience“ leisten? Welche Hausaufgaben bleiben für die Beteiligten?

Adalbert Neumann: Zum einen gilt es, innerhalb einer Lösung eines Systems eine reibungslose Zusammenarbeit der Komponenten, der Einzelteile sicher zu stellen. Ein Beispiel: für unser Projekt „Mission to Zero“ nutzen wir ein Energie-Management-System, das die Erzeugungsanlagen wie beispielsweise die Photovoltaikanlage, das Gebäude als Energieverbraucher, Ladestationen für E-Autos, Batteriespeicher, etc. vernetzt und die Energieflüsse optimal und möglichst CO2-neutral steuert Das soll nicht nur im Großen, sondern auch im individuellen Lebensbereich funktionieren im Smart Home. Hier bieten sich auch für den Elektrogroßhandel vielfältige neue Geschäftsfelder.

Auf dem Weg zur Seamless Customer Experience gilt es aber auch weiter, die Schnittstellen im dreistufigen Vertrieb zu digitalisieren. Für eine Zusammenarbeit, die die wachsenden Ansprüche an schnelle Reaktionszeiten und Fehlerfreiheit erfüllt.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Auszug aus der September-Ausgabe der ElektroWirtschaft. Sie können die Ausgabe hier digital lesen oder hier als Einzelheft bzw. als Abo bestellen.

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