Auf dem Weg zur Smart City – das können wir nur gemeinsam schaffen

Im Interview mit der ElektroWirtschaft spricht Hans-Georg Krabbe, Vorstandsvorsitzender der ABB AG, über die Bedeutung der Künstlichen Intelligenz, den Weg vom Smart Home zur Smart City und den notwendigen Ausbau der Infrastruktur.

ElektroWirtschaft: Herr Krabbe, Sie sind Vorsitzender der Bundesfachkommission „Künstliche Intelligenz und Wertschöpfung 4.0“ des Wirtschaftsrates in Deutschland. Warum ist das Thema gerade in aller Munde? Und warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Hans-Georg Krabbe: Künstliche Intelligenz ist eine Schlüsseltechnologie der digitalen Transformation und wird bislang eher mit konsumnahen Anwendungen und den großen amerikanischen und chinesischen Plattform­unternehmen in Verbindung gebracht. KI wird aber auch im industriellen Kontext und bei der Infrastruktur eine absolut zentrale Rolle spielen. Wir sehen schon heute, aber in Zukunft noch viel mehr, eine integrierte und durchgängig digitalisierte Wertschöpfungskette. Ich bin davon überzeugt: Mit der digitalen Transformation und den Methoden der Künstlichen Intelligenz werden wir zentrale gesellschaftliche Herausforderungen wie Klimaschutz, Energie- und Mobilitätswende oder den Fachkräftemangel viel besser bewältigen können. KI wird hier einen wesentlichen Beitrag leisten.

ElektroWirtschaft: Wo sehen Sie dabei die größten Herausforderungen?

Hans-Georg Krabbe: Ich sehe die größten Herausforderungen in zwei Bereichen: Zum einen in der öffentlichen Akzeptanz von KI und der Digitalisierung und zum zweiten im schnellen Ausbau der Infrastruktur. Neue Technologien wie KI verursachen durch ihre Komplexität oft Misstrauen und Ängste. Die Politik reagiert dann manchmal zu schnell mit Überregulierung, wodurch die Chancen einer neuen Technologie nicht erschlossen werden und nur die Risiken im Mittelpunkt stehen. Um diese Gefahr gar nicht erst entstehen zu lassen, müssen wir immer wieder die Chancen der neuen Technologien kommunizieren – und zwar gemeinsam. Ein guter Ansatz ist die erfolgreiche Smart Living Initiative, die vom Bundeswirtschaftsministerium geschaffen wurde, dort engagieren sich Handel, Handwerk, Industrie und Wohnungswirtschaft gemeinsam.

Die zweite Herausforderung ist der schnelle Ausbau der Infrastruktur. Damit meine ich sowohl den weiteren Ausbau unseres Energienetzes, einschließlich der Komponenten für die Elektromobilität, aber auch den Ausbau der digitalen Infrastruktur, also Glasfaser und 5G. Nur mit einer qualitativ hochwertigen Vernetzung werden wir die Potenziale der Digitalisierung und damit der datengetriebenen Geschäftsmodelle zum Erfolg führen können. Ganz entscheidend wird es sein, inwieweit es uns gelingt, den deutlich ansteigenden Ausbildung- und Weiterbildungsbedarf decken zu können. Viele Berufsbilder werden sich verändern.

ElektroWirtschaft: Was muss dafür konkret getan werden?

Hans-Georg Krabbe: Nochmals: Wir müssen – und das ist mir wirklich wichtig – die Chancen in den Mittelpunkt stellen und dabei die globale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und europäischen Industrie stärker im Blick behalten. Gerade bei smarten Technologien wie KI stehen wir in einem harten Wettbewerb und benötigen faire Rahmenbedingungen.

Es passiert bereits einiges auf nationaler und EU-Ebene mit der Industriestrategie, dem Digital-Paket der EU-Kommission oder dem Green Deal. Aber ich habe manchmal den Eindruck, dass man ruhig nochmal „eine Schippe drauflegen“ könnte, damit es schneller voran geht. Gemeinsam muss es uns gelingen, die Akzeptanz deutlich zu erhöhen. Initiativen wie Smart Living und die Einbeziehung von Handel und Handwerk werden einen entscheidenden Beitrag leisten.

ElektroWirtschaft: Den notwendigen Ausbau der Infrastruktur haben Sie bereits angesprochen.

Hans-Georg Krabbe: In der Tat, hier geht es um viel mehr. Wir brauchen wirksame Lösungsansätze für die zukunftssichere Veränderung unserer Lebensräume und Arbeitsbedingungen. Die Idee der Smart City steht als Idealbild für die Urbanisierung von heute, morgen und übermorgen: intelligent, sicher, effizient und nachhaltig. Mit intelligenten Gebäuden, smarten Verkehrskonzepten und umweltsensiblen Infrastruktursystemen.

Darüber hinaus verschieben sich Wertschöpfungsstrukturen ganz grundsätzlich. In Deutschland und Europa sind Unternehmen traditionell sehr gut darin, ihre bestehenden Produkte immer weiter zu optimieren – aber das allein wird in Zukunft nicht mehr reichen. Es sind die neuen service-orientierten, datengetriebenen Geschäftsmodelle, die hinzukommen. Die Wertschöpfung verlängert sich stärker als bisher auf die Nutzungsphase des Produktes. Darauf müssen wir uns einstellen und es gemeinsam anpacken.

ElektroWirtschaft: Das Szenario ist ambitioniert. Wo stehen wir hier in Deutschland?

Hans-Georg Krabbe: Auf dem Weg zur Smart City haben wir in Deutschland sicher schon einiges erreicht. Es gibt viele Pilotprojekte, in denen die Vorteile eines vernetzen Lebens genutzt und aufgezeigt werden. Die breite Technologiekompetenz, die wir gerade in Deutschland haben, kommt im Zusammenspiel mit Handel, Handwerk und Industrie dabei voll zum Tragen.

Bis zu einem flächendeckenden und durchgängigen Konzept ist es aber noch ein langer Weg. Denn richtig smart wird eine Stadt erst, wenn die verschiedenen infrastrukturellen Elemente intelligent miteinander verbunden sind und optimal geregelt werden. Wir haben erste Projekte, bei denen das vorbildlich umgesetzt wird, beispielsweise in Zusammenarbeit mit Energieversorgern in Quartierlösungen. Insgesamt sind die Bedürfnisse der Städte sehr individuell und erfordern ein hohes Maß an Skalierbarkeit und Flexibilität der Lösungen.

In die richtige Richtung gehen auch andere Beispiele, die man in der Industrie sehen kann. Bei Busch-Jaeger in Lüdenscheid haben wir bereits im vergangenen Jahr den ersten nahezu klimaneutralen Fertigungsstandort der ABB in Betrieb genommen. Dort zeigen wir, wie die Energiewende mit konsequent digitalem Energiemanagement gelingen kann. Dafür steht der Begriff „Mission to Zero“.

ElektroWirtschaft: Eine Smart City braucht smarte Bewohner, die in ihr leben und sie entsprechend gestalten und nutzen. Wie groß ist die Begeisterung für den digitalen Wandel im eigenen Lebensraum?

Hans-Georg Krabbe: Sehr erfreulich ist, dass die Begeisterung für digitale Technologien offensichtlich deutlich zunimmt. Praktisch jeder von uns benutzt heute ganz selbstverständlich ein Smart­phone. Immer mehr Familien leben bereits in einem smarten Zuhause oder nutzen zumindest smarte Technologien für mehr Sicherheit, Komfort und Energieeffizienz. Das bestätigt übrigens gerade eine aktuelle Umfrage des Zentralverbandes der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH). 57 Prozent der befragten Handwerksunternehmen gehen davon aus, dass die Umsätze im Smart-Home-Segment in den nächsten fünf Jahren signifikant steigen werden. Mehr als 60 Prozent der Betriebe gaben an, dass sie inzwischen regelmäßig Smart-Home-Lösungen bei ihren Kunden installieren. Das ist eine tolle Ausgangsposition.

Die großen Herausforderungen rund um die Corona-Krise zeigen aktuell sehr deutlich, wie notwendig die Digitalisierung ist. Ich bin sicher, dass hierdurch die Akzeptanz digitaler Anwendungen weiter spürbar steigen wird.

Auf dieser guten Basis müssen wir jedoch konsequent weiterarbeiten, insbesondere bei den aus Sicht der Endkunden weiterhin kritischen Punkte wie Bedienerfreundlichkeit, Kompatibilität, Standardisierung und Sicherheit. Das Smart Home von morgen wird durch die umfassende Vernetzung, durch Selbstlernfunktionen und die Einführung von weiteren KI-Technologien noch intelligenter werden.

ElektroWirtschaft: Wie lang ist denn Ihrer Ansicht nach der Weg vom Smart Home zur Smart City?

Hans-Georg Krabbe: Viele smarte Häuser allein machen noch keine smarte City. Dazu gehört noch einiges mehr. Hier haben wir noch einige Arbeit vor uns. Wir müssen insbesondere zwei Themen stärker vorantreiben: Zum einen sollten wir, wie schon betont, Anwendungsfälle und Nutzen stärker kommunizieren – wie zum Beispiel die smarte Einbindung von Ladesäulen.

Zum anderen gilt es, gemeinsame Schnittstellen und Plattformen, auf denen Daten ausgetauscht werden, stärker zu nutzen. Hier gibt es gute Beispiele, wie die API-Schnittstelle von Busch-Jaeger. Bei den gemeinsamen Plattformen stehen wir jedoch erst am Anfang – Ideen wie GAIA-X weisen schon in die richtige Richtung. Es liegt jedoch noch ein weiter Weg vor uns und hier besteht sicherlich der größte Handlungsbedarf. Insbesondere ein gemeinsames Verständnis von allen Marktteilnehmern hin zu gemeinsamen Lösungen muss auf breitere Basis gestellt werden.

ElektroWirtschaft: Was sind Ihre nächsten Schritte auf dem Weg zu diesem anspruchsvollen Ziel?

Hans-Georg Krabbe: Grundsätzlich nutzen wir unsere breite Technologie-Plattform, um unseren Kunden innovative Lösungen anzubieten. Hier profitieren wir von unserer Erfahrung in den Bereichen Energieversorgung, Infrastruktur und Industrie. Darüber hinaus haben wir ein Projektteam gebildet, das diese Konzepte maßschneidern kann. Das geht natürlich nur gemeinsam mit den verschiedenen Entscheidern aus Verwaltung, Institutionen und Unternehmen.

Darüber hinaus sehen wir die Stadt der Zukunft als Gemeinschaftsprojekt, an dem zahlreiche Interessengruppen beteiligt sein sollten. Alle Teilnehmer müssen gemeinsam überzeugt sein von einem großen Ziel: der intelligenten Stadt. Ganz wichtig dabei: Eine gut funktionierende Beteiligungskultur, die alle Bürger mit einbezieht. Denn die Ansprüche sind gleich: Ein Mehr an Lebensqualität, Komfort, Transparenz und Effizienz bei reduzierten Kosten. In unserer breiten Aufstellung gerade in Deutschland mit den vielfältigen Kompetenzen in Handel, Handwerk und Industrie haben wir eine einmalige Chance, als Branche hier auch global eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Wir von ABB freuen uns, hier einen Beitrag mit unseren Partnern leisten zu dürfen.

Auf dem Weg zur Smart City – das können wir nur gemeinsam schaffen

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