Zukunftssicheres Planen und Bauen in Deutschland

Fast die Hälfte der in den fünfziger bis siebziger Jahren errichteten Gebäude sind nach ihrer Fertigstellung elektrotechnisch nie mehr auf Vordermann gebracht worden.

Das bedeutet: Wir stecken in einem gewaltigen Renovierungsstau, der tagtäglich mit Einbußen bei Komfort, Sicherheit und Energieeffizienz einhergeht.

Was zukunftsweisende Gebäude auszeichnet

Immobilien, die heute geplant, morgen gebaut werden und übermorgen nicht bereits als veraltet gelten sollen, müssen unter anderem:

Ältere und pflegebedürftige Menschen unterstützen

Zukunftssichere Gebäude müssen daher unkompliziert mit alltagsunterstützenden Assistenzlösungen ausgestattet sein oder im Bedarfsfall mit vertretbarem Aufwand nachgerüstet werden können.

Energieintelligent sein

Gebäude werden künftig nicht nur Energie verbrauchen, sondern sie (z.B. mit PV-Anlage) selbst erzeugen, umwandeln und intelligent hausintern verteilen.

Gebäude müssen zukünftig – weitaus mehr als bisher – über ein Energiemanagementsystem ihre Energieverbräuche intelligent anpassen. Auf diese Weise soll die Effizienz beim lokalen Energieverbrauch erhöht werden, aber auch Potenziale für Effizienz im Gesamtsystem der Energieversorgung gehoben werden. Gebäude sollen zunehmend zum Kraftwerk werden und ihren Energieverbrauch aus erneuerbaren Quellen selbst erzeugen.

Vernetzung fördern

Hierfür braucht es einen reibungslosen Datenfluss. Soll beispielsweise eines Tages ein Energiespeicher im Keller oder eine Elektro-Ladestation in der Garage/am Stellplatz untergebracht werden, müssen diese Anlagen bzw. Gebäudeteile einen Zugang zum Datennetz der Immobilie oder zum Serviceprovider haben (bzw. ohne hohe Kosten erhalten können). Die Digitalisierung benötigt zudem Breitbandanschlüsse in Gebäuden. Die richtige Breitbandverteilung im Gebäude beeinflusst maßgeblich die Datenübertragungs- geschwindigkeit des Gesamtsystems. „Die letzte Meile“ im Gebäude darf nicht zum Flaschenhals für die digitale Geschäftsentwicklung von morgen werden.

Elektroautos aufladen

Das Laden von Elektrofahrzeugen findet überwiegend zuhause oder am Arbeitsplatz, also in oder an Gebäuden, statt. Dabei übernehmen Gebäude die Stromversorgung des zunehmend elektrifizierten Verkehrssektors. Dies alles soll – intelligent gesteuert – so passieren, dass es das Leben und Wirtschaften der Menschen in den Gebäuden nicht nur möglichst wenig beeinträchtigt, sondern durch den Einsatz intelligenter Technik sogar erleichtert und verbessert.

Sicher sein

Quasi die Grundvoraussetzung jeder Elektroinstallation: Die Energie im Haus muss zuverlässig und sicher verteilt werden. Bei allen Innovationen und neuen Systemen dürfen die deutschen Sicherheitsstandards in keinem Punkt in Frage gestellt werden und müssen den aktuellen technischen Entwicklungen folgen.

Wirtschaftlichkeit durch Innovation beim Bauen und Wohnen

Wer Gebäude plant, die mehr als nur ein paar Jahre überdauern sollen, muss sie mit einer nachhaltigen Infrastruktur ausstatten und so anlegen, dass sie künftigen Nutzern und Nutzungsformen gerecht werden können.

Die Innovationskraft der Wirtschaft bringt seit einigen Jahren eine unaufhaltsam wachsende Zahl von vernetzten Produkten hervor.

Nach Auffassung des ZVEI darf die berechtigte Forderung nach bezahlbarem Bauen und Wohnen nicht auf Kosten der Zukunftsfähigkeit der Gebäude gehen.

Dabei sind moderne Gebäudestandards und Bezahlbarkeit kein Wiederspruch in sich. Mit einer vorausschauenden Planung der Technologien und der Entwicklung von ganzheitlichen Standards über die traditionellen Gewerkegrenzen hinweg, lässt sich der Zielkonflikt auflösen. Was heute mit geringem Mehraufwand bereits in der Erstellungsphase eingebracht werden kann, muss später nicht mit einem mehrfachen Aufwand nachgerüstet werden.

Innovationen werden in der Praxis erst durch Normen und Standards einsetzbar, insbesondere bei Systemtechnologien wie der Gebäudetechnik. Gerade moderne Planungsmethoden, wie z.B. BIM werden es ermöglichen, innovative Technologien kosteneffizient zu planen und im Betrieb kostenreduzierend einzusetzen.

Intelligent die Standards setzen

Um Planungssicherheit für Bauherren, Planer, Architekten und Handwerker zu gewährleisten, sollten bestehende Normen und Gesetze vorausschauend ausgestaltet und intelligent weiter entwickelt werden.

Die aktuell undifferenzierte Kritik an der Normung und Standardisierung im Baubereich indem Standards und Normen pauschal als Kostentreiber benannt werden, lassen außer Acht, dass durch den klaren technischen Rahmen enorme Prozess- und Fehlerkosten eingespart werden. Durch Normung wird der Einsatz von Innovationen in die vorhandene Systemtechnik technisch geklärt. Somit senken Systemstandards auch die Integrationskosten von Produkten in Systeme, bilden einen klaren Wettbewerbsrahmen und sorgen für Verbraucherschutz.

Eine generelle Absenkung der Anforderungen würde es der Wirtschaft erschweren, ihre Innovationen zu vermarkten. Ein Wirtschaftswachstum im Technologiebereich wird so erschwert. Eine Absenkung der Anforderungen senkt außerdem zugleich den Anteil der technologisch hochwertigen Wertschöpfung durch die Baubranche. Es besteht jedoch die große Gefahr, dass die Betriebskosten durch später notwendige Anpassungs- und Sanierungsmaßnahmen steigen werden.

Fazit

Für die Umsetzung der politischen Ziele ist die Zukunftsfähigkeit der elektrotechnischen Infrastrukturen in Wohngebäuden eine entscheidende Voraussetzung.

Wer heute Gebäude bauen (lassen) will, die auch morgen noch Bestand haben, muss unbedingt (die Voraussetzungen für) die Integration von Energiespeicher, modernen Wärmeanlagen, PV-Anlagen und E-Mobilität schaffen.

1. Jedes neue Gebäude muss in der Planung so angelegt werden, dass es ohne großen Aufwand zu einem klimaneutralen Gebäude umgebaut werden kann.

2. Jeder Gebäudeteil (auch Nebengebäude und Abstellräume) muss in das Hausenergienetz und Hausdatennetz integriert werden (können).

Für die erfolgreiche Umsetzung der genannten Zusammenhänge ist es unabdingbar die Planungsstandards nicht generell abzusenken sondern vielmehr mit den richtigen baurechtlichen Weichenstellungen die Chancen zu nutzen, die uns Elektrotechnik und intelligente Gebäudetechnologien mit Blick auf die die Zukunftsfähigkeit eröffnen. Und sogar auch für jene Veränderungen in Gebäuden „ready“ zu sein, die im Rahmen der Digitalisierung unser Wohnen, Leben und Arbeiten verändern werden.

„Die Politik muss dringend Maßnahmen einleiten“

Ein großer Teil der Elektroinstallationen in Deutschland sind nicht mehr zeitgemäß. Verhindert dieser Zustand sogar den Durchbruch der Elektromobilität? Die ElektroWirtschaft hat bei Andreas Bettermann, Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Elektroinstallationssysteme, nachgefragt.

ElektroWirtschaft: In Deutschland verfügen aktuell 70 Prozent der Gebäude über Elektroleitungen, die 35 Jahre und älter sind. Ist der Gebäudebestand der größte Bremsklotz für die Mobilitätswende?

Andreas Bettermann: Ja, das ist eindeutig der größte Bremsklotz! Schließlich haben Autos die längsten Standzeiten in oder an Gebäuden. Deshalb sind die häusliche Garage, der Carport, die Tiefgarage und der Parkplatz beim Arbeitgeber der eigentliche Ort des Ladens für E-Autos. Allerdings sind die bestehenden Elektroanlagen, inkl. des Hausanschlusses für das Laden von Elektroautos nicht ausgelegt. Das belegt u. a. die ZVEI-Studie „Zustandserhebung elektrischer Anlagen für Gebäude“. Die Politik muss dringend Maßnahmen einleiten. Mit der bisherigen Förderung von E-Autos setzt man auf ein „falsches Pferd“, denn die läuft ja bisher augenscheinlich ins Leere. Das eigentliche Hemmnis, die mangelnde Ladeinfrastruktur in Gebäuden, muss beseitig werden – und das dringend!

ElektroWirtschaft: Was zeichnet ein zukunftsweisendes Gebäude aus? Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, um auch beim Thema Elektromobilität langfristig gerüstet zu sein?

Andreas Bettermann: Der Aufbau der Ladeinfrastruktur muss aktiv von der Bundesregierung gefördert werden. Das reicht über Förderinstrumente der KfW, Steuerabschreibung und direkte Investitionszuschüsse in Ladeinfrastruktur in Gebäuden bis hin zu ordnungspolitischen Maßnahmen.

Konkret heißt das, es sollte ein Leerrohr vom Hausverteiler zur Garage oder Carport zwingend vorgesehen werden. Das Leerrohr direkt in der Bauphase zu verlegen, kostet laut Berechnung des ZVEI / ZVEH bei einem durchschnittlichen Einfamilienhaus nur 280 Euro. Dagegen steht eine nachträgliche Leitungsverlegung, die sich zwischen 3.000 bis 4.000 Euro bewegt.

Damit die Kosten für eine nachträgliche Installation einer Wallbox oder Ladesäule bei heutigen Neubauten möglichst niedrig bleiben, gilt es durch eine vorausschauende Planung, unter anderem durch Leerrohre an den richten Stellen, die Zukunftssicherheit zu gewährleisten. Damit wird ein wesentliches Hemmnis beim Aufbau der Ladeinfrastruktur abgebaut. Der ZVEI fordert deshalb, dass im Baurecht die Vorbereitung für eine Ladeinfrastruktur verpflichtend geregelt wird und dass die Fördergelder nicht für den Kauf von E-Autos, sondern für die Investition in die Ladeinfrastruktur verwendet werden.

ElektroWirtschaft: Wie lässt sich der Konflikt zwischen Bezahlbarkeit und Zukunftsfähigkeit in der Gebäudeplanung vermeiden?

Andreas Bettermann: Nicht die Standards sind der Kostentreiber, sondern mangelnde Planungsqualität, schließlich werden die sichtbaren Anforderungen von morgen durch Fachleute von heute zu selten berücksichtigt. Die Endkunden können nicht alle Themen erkennen. Es gilt in der Beratung und in der Planung die Themen, wie dezentrale Energieversorgung, die Breitbandkommunikation und Ladeinfrastruktur in der Elektroplanung zu berücksichtigen. Dabei ist die vorausschauende Planung das Rezept, um unnötige Nachtragskosten in der Bauphase zu vermeiden und die Ausbaufähigkeit einer Elektroanlage sicherzustellen.

Der ZVEI und ZVEH sprechen gerade in Berlin mit den verantwortlichen Stellen, um die Zukunftsfähigkeit von Elektroanlagen in den Regelwerken zu berücksichtigen.

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