„Man darf den digitalen Zwilling nicht überschätzen: Er ist kein Allheilmittel“

Der Gebäudesektor steht im Zentrum der Klimadebatte, doch der größte Hebel liegt nicht im Neubau, sondern im Bestand. Im zweiten Teil unserer neuen Serie „Nachhaltig nachgehakt“ erklärt Michael Dittel, Mitgründer des Digitalen Zwilling-Spezialisten Leaftech, warum Daten, digitale Modelle und der digitale Zwilling entscheidend sind, um Gebäude wirtschaftlich, klimafreundlich und zukunftssicher zu machen, und welche Rolle der Elektrogroßhandel und das Handwerk dabei spielen.

Herr Dittel, was bedeutet nachhaltige Transformation für Sie – jenseits von Technik, Normen und politischen Vorgaben?

Michael Dittel: Für mich bedeutet nachhaltige Transformation vor allem, dass wir unseren heutigen Lebensstandard sozial und umweltverträglich sichern und bewahren. Es geht darum, ihn möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen.

Warum hängt die Nachhaltigkeit des Gebäudesektors Ihrer Meinung nach vor allem vom Bestand und weniger vom Neubau ab?

Michael Dittel: In Europa stammen rund 36 Prozent der CO2-Emissionen aus dem Gebäudesektor. Das zeigt, wie groß der Anteil an den Klimaherausforderungen ist. Gleichzeitig fließen durch hohe Energiepreise enorme Kosten in Bereiche, in denen das nicht nötig wäre. Durch Optimierung und Modernisierung im Bestand lassen sich Gebäude nachhaltiger, günstiger im Betrieb und am Ende klimafreundlicher machen. Im Neubau gibt es klare Vorgaben für Bauweise, Energieverbrauch und CO2-Zielwerte. Im Bestand ist die Lage komplexer. Es gibt Einordnungen und Zielvorgaben, aber einen sehr heterogenen Gebäudebestand, in Europa wie auch in Deutschland, gerade im Wohnen. Entsprechend groß sind die Potenziale, von der Gebäudehülle bis zur Technik und Elektrotechnik im Gewerbe. Der Hebel ist allein durch die Menge der Gebäude enorm, verstärkt durch Alter und teils überholte technische Ausstattung.

Viele Entscheidungen im Bestand basieren auf Erfahrungswerten. Welche Rolle spielen Daten und Modelle, um die richtigen Maßnahmen zu erkennen?

Michael Dittel: Erfahrungen sind ungemein wichtig, vor allem in der Umsetzung vor Ort. Sie helfen dabei, gebäudespezifische Entscheidungen zu treffen und Fehler zu vermeiden. Gleichzeitig ist Erfahrung teuer, weil sie an hochqualifizierte Fachkräfte gebunden ist. Und genau hier haben wir ein strukturelles Problem. Der Fachkräftemangel zieht sich durch alle Bereiche, auch durch die Energieberatung, die energetische Bewertung und die Optimierung. Datenmodelle können hier unterstützen, indem sie Gebäude zunächst vergleichbar machen. Insbesondere bei großen Beständen ermöglichen sie eine Vorqualifizierung, ohne sofort hohe Expertise einsetzen zu müssen. Auf Basis der Daten lassen sich Gebäude identifizieren, bei denen Handlungsbedarf besteht, und geeignete Maßnahmen ableiten. Diese können anschließend von Experten vor Ort umgesetzt werden. Angesichts der Größe des Bestands und der verschärften Richtwerte kommen wir nicht an digitalen, standardisierten Prozessen vorbei. Unser Ziel ist es, über digitale Modelle bis auf Vorplanungsniveau zu gelangen und so fundierte technische Empfehlungen auszusprechen.

Das gesamte Interview finden Sie in der neuen Ausgabe der ElektroWirtschaft: 03/2026.

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